Humanation

8. Kapitel: Spezialeinheit

Über die weißen Schleier vor den dunkelgrauen Wolken zu den schmalen glutrot leuchtenden Streifen, die die Abenddämmerung an den Himmel malte, wanderte Loflains Blick aus dem Fenster des kargen Übungsraums aus grauem Beton. Tropfen des letzten Regens hingen noch an der Scheibe, an dem der Wind rasant die Wolken vorbeitrieb. Dort irgendwo jenseits der Wolken war das Weltall, irgendwo da draußen. Eine freie Welt, die nicht durchsetzt war mit Organisationsstrukturen der menschlichen Rasse - ein Raum, der auch ohne Wirtschaftsstatistik auskam. Mit diesem Gedanken wand sie wieder gelangweilt ihren Blick dem blassen Burschen mit den glattgeklebten Haaren an dem großen Holoprojektor zu, der unerbittlich eins nach dem anderen Zinsberechnungsmodell erscheinen ließ. Barnett neben ihr folgte aufmerksam und ihr Blick klebte an seinen Lippen und sie saugte seine Weisheiten über Gewinnoptimierung und Profitmaximierung durch geschickte Spekulation förmlich mit angespannten Lippen aus ihm heraus. Loflain blickte auf ihre Finger und, nachdem sie jeden Nagel einzeln inspiziert hatte, wieder auf. Diese Übung wollte wohl nie enden. Ihr Blick fiel wieder aus dem Fenster. Gerade riss für einen kurzen Augenblick die Wolkendecke an einer Stelle auseinander und leuchtend glühte Licht von Yang herüber. Loflain seufzte. Nicht einmal dahin war sie bis heute gekommen. Sie würde wohl nie diesen nassen Brocken verlassen. Wo Ming Guang jetzt wohl war? Irgendwo da draußen, dort wo die Sterne standen, die man hier so selten sah. Ob Professor Yonatan auch schon einmal dort draußen gewesen war? Aus ihrer Tasche lugten jedenfalls einige Geschichtsbücher, die sie zu scannen hatte, über die Besiedlung Greenearths. Sie hatte schon zwei gelesen oder mehr verschlungen. Sie nahm das dritte in einer vorsichtigen unauffälligen Bewegung auf ihren Schoß und laß weiter. "...Nach der letzten Phase des Terraformens, der Etablierung heimischer Nutzpflanzen, wurde mit dem Bevölkerungsschiff B-1-alpha am Landepunkt der Newheaven-Station die erste Stadt New Heaven aus der Station errichtet. Am 5.6.386 n.gK weihte Präsident Selvos die Stadt mit den berühmten Worten: "So weit sind die Menschen gekommen, doch so viel mehr Himmel erwartet sie noch." ein. Innerhalb der nächsten 50 Jahre wurden 15 weitere Stadte gegründet und die Population wuchs auf 20 Millionen an. <6. Kapitel: Besiedlung und Zivilisierung>..." Ein Stoß in die Seite riss Loflain aus ihrer Lektüre. Barnett stand neben ihr: "Komm gehen wir in die Mensa essen." Loflain schlug heimlich das Buch zu, ließ es in ihre Tasche gleiten und stand auf. Die anderen Studenten verließen bereits den Raum.

"Ich muss noch mal zum Professor. Du weißt, mein Nebenjob. Ich brauche eine neue Aufgabe. Die letzte habe ich erfüllt."

Barnett seufzte: "Ich hoffe, du wirst wenigstens entsprechend bezahlt für die Menge an Arbeit, die du investierst."

Loflain lächelte: "Mach dir keine Sorgen. Wir sehen uns morgen."

Sie nahm ihre Tasche und lief los. Barnett seufzte und nahm ihre Tasche. Alles nur Flausen.


Gerade bei Einbruch der Dunkelheit stand Loflain vor Yonatans Tür und klingelte. Der Professor öffnete erfreut die beiden Türen: "Loflain, es freut mich. Komm erstmal rein. Wir essen gerade. Wenn du willst..."

Loflain blickte verlegen: "Das ist freundlich, aber..."

Noch ehe sie den Satz vollendet hatten, schob Tailors Hand ihr aus der Küche einen Teller zu. Verwirrt nahm sie ihn und murmelte: "Danke!"

Der Professor schloss die Türen und schob sie an den Tisch im Wohnzimmer auf den rosaweißen Posterstuhl mit Füßen. Der Professor eilte in die Küche um nach dem Tee zu sehen. Tailor lehnte sich mit zwei vollen Tellern in den Händen grinsend an die Marmorsäule des Durchgangs. Er schlich laut- und wortlos wie ein schwebender Geist hinüber zum Tisch, stellte die Teller ab und fletzte sich in den Klappstuhl. Er wirkte wie gerade erst aufgestanden, seine blonden Haare in strähniger Unordnung, das Hemd an drei, vier Knöpfen provisorisch befestigt und die schlabbrige Hose schräg hängend, aber seine Augen wirkten wie immer munter und blitzen frech. Yonatan kam aus der Küche mit drei Tassen und einer gelb geblümten Kanne Tee, stolperte beinahe über einen Bücherstapel, der aber zuerst nachgab, und schwankte gerade so zum Tisch. Er setzte sich auf den einfachen Holzstuhl und schenkte einen grünen Tee ein, während er an Loflain gewandt fragte: "Ich hoffe, dir schmecken Glimmbaumknollen mit Rotpilzsauce?"

Loflain nickte: "Natürlich, das klingt köstlich!"

Tailor grinste: "Ist es auch und vor allem echt, unoptimiert und natürlich, wie es wächst und gedeiht."

Loflain lächelte: "Bezüglich des Essens könnten wir sogar übereinkommen."

Yonatan nippte nur amüsiert an seinem Tee und wünschte: "Guten Appetit!"

Während sie aßen, kam der Professor auf den eigentlichen Grund ihres Besuchs zurück: "Du hast schon die Bücher, die ich dir gestern gegeben habe, gescannt, katalogisiert und eine Zusammenfassung geschrieben?"

Loflain nickte kauend.

Yonatan tippte sich ans Kinn: "Schnelle Arbeit. Welche Bücher wären als nächstes wichtig?" fragte er mehr sich selbst und ließ den Blick durch den Raum über die Bücherregale schweifen.

Plötzlich grinste der Professor, stand auf und zog ein bordeauxrotes Buch aus dem Regal und murmelte: "Das könnte von Interesse sein."

Er ging zu Loflain: "Nun dieses Buch ist kaum zum Katalogisieren gedacht, aber zum lesen allemal."

Loflain legte die Gabel weg und betrachtete das simple rote Buch. "Sozialstrukturen und Kultur der Labos - von Ming Guang A0082490"

"Professor Ming Guang!", murmelte Loflain überrascht.

Yonatan nickte: "Diese Arbeit hat bewirkt, dass sie von Paradis hierher kam. Würde man mich fragen, eine grandiose Arbeit. Aber mich würde niemand fragen. Als sie meine Bücherleidenschaft bemerkte, hat sie mir die handgeschriebene Rohversion geschenkt. Heute findet man das Werk schon gar nicht mehr."

Loflain schlug ehrfürchtig die erste Seite auf. In einer sauberen Handschrift stand dort geschrieben: "Gewidmet meinem Freund Yonatan einem der besten Wissenschaftler Humanations und einem der wenigen, deren Streben tatsächlich dieses Ziel trägt." Sie blätterte weiter über die gelblichen Seiten, die in sauberer Handschrift mit feinen Zeichnungen gekleidet waren. Loflains Augen leuchteten, als hielt sie ein Wunder in den Händen, desen Magie sie durchströmte. Yonatan hatte derweil andere Bücher zur Katalogisierung zusammengesucht und neben sie gestapelt.

Tailor legte den Kopf schief und fragte: "Ming Guang?"

"Eine der besten Professoren dieser Universität", erklärte Loflain etwas stolz und wandt sich an Yonatan: "Verzeihung Professor, meine nächste Vorlesung beginnt gleich. Ich muss jetzt aufbrechen."

Der Professor nickte. Sie packte die Bücher zusammen und lächelte: "Vielen Dank!"

Yonatan winkte aber ab und lächelte: "Bis zum nächsten Mal!"

Loflain verschwand durch die Tür und rannte durch neue Regenfälle zum Vorlesungssaal. Der Wind pfiff um Yonatans Haus. Es war eine stürmische Nacht. Yonatan setzte sich wieder auf den Holzstuhl und nippt an seiner Tasse Tee. Tailor blickte ihn erwartungsvoll an: "Du kennst Ming Guang? Du bist sogar mit ihr befreundet? Hast du ihr noch nie von ihrer Bedeutung erzählt?"

"Nun", setzt Yonatan an, "Professor Ming Guang ist keine Rebellin in deinem Sinne. Sie hält zwar die Ausrottung der Shìrsìr nach einer Studie über Ruinen und mögliche Kultur für zutiefst barbarisch genauso wie die Haltung der , aber sie sieht den größeren Zusammenhang in der Politik nicht."

Tailor grinste: "Vielleicht kommt sie ja bald drauf."

Yonatan seufzte: "Vielleicht!" und starrte auf seinen Tee.

Draußen zuckte ein Blitz. Eine zischende Stimme durchfuhr den Raum. Ein einziges Wort erschrak beide bis ins Mark. Es zischte: "Tailor" von der Treppe hinab. Es donnerte. Wie gelähmt drehten Yonatan und Tailor sich der Treppe zu und starrten sie mit aufgerissenen Augen an. Mit einem Adrenalinschub griff Yonatan hinter sich auf den Tisch, wo ein Messer lag. Tailor fasste die Stuhllehne. Das Prasseln des Regens wie Hunderte gegen die Fenster schlagende Finger zählte den hektischen Takt der geladenen Stille. Jemand war hier. Aus dem Dunkel der oberen Etage hob sich ein Schatten ab. "Endlich sehe ich dich wieder, Tailorlein." Tailor stockte, ließ den Stuhl los und stürmte mit ein paar Sätzen die Treppe hinauf und riss die Gestalt um und johlte auf. Das Haus fühlte sich mit Lachen und Tailor rief: "Reff!" während er den Freund drückte. Reff drückte sich hoch: "Tailorlein! Wie ich dich vermisst habe!" Sie standen beide auf. Yonatan schob seine Brille zurück. Reff sprang mit einem Satz die Treppe hinab und grinste den Professor schief an: "Verzeihung. Ich will nicht länger stören. Ich wollte nur Tailor abholen und zurück in die Wälder bringen." Yonatan lächelte ihm zu: "Es freut mich!" "Wir sollten uns auch garnicht länger aufhalten. Kommst du Tailor?" erklärte Reff. Tailor grinste: "Abflugbereit Kaptain!" Es blitzte direkt über dem Haus und so unvermittelt wie beide aufgetaucht waren, waren sie wieder verschwunden. Yonatan ließ sich lächelnd nieder.

So war Tailor einer seiner besten Studenten. Er erinnerte sich noch. Vor Jahren war Tailor zu ihm gekommen um ihn für den Widerstand zu gewinnen. Er war zu ihm gekommen. Yonatan musste noch heute bei dem Gedanken schmunzeln. Natürlich hatte er ihn, wo er nur konnte, unterstützt. Tailor hatte immer auf volles Risiko gespielt. Allerdings war das natürlich nicht lange gut gegangen. Heute war Tailor unter den Top 100 Terroristen, darum hatte er sich aus der Stadt weitestgehend zurückgezogen. Doch er hätte niemals aufgehört, im Gegenteil ohne eigene Bleibe oder Bindung auf dem Planeten konnte Tailor überall zugleich sein und über alles seine Hände halten. Ein unsteter Schrecken, der ein ums andere Mal um Haaresbreite durch die Hand Humanations glitt.


Ein Blitz krachte, als die Y-10-delta-kappa-a ihre Luke öffnete.

"Eine stürmische Nacht!", bemerkte Riano und erhob sich aus dem Copilotensitz.

"Das soll durchaus gewöhnlich für Ying sein", bemerkte Raylee und fuhr die Maschinen runter. Riano, P5641028 und Raylee stebten auf den Ausgang zu. Vor der Luke in einem langen schwarzen Mantel mit einem schwarzen Regenschirm wartete eine Gestalt, neben ihr im Regen in der Majorsuniform des inneren Friedens stand ein durchtrainierter Mann, dessen tiefbraune Locken ihm schon ins Gesicht klebten. Doch er beachtete den Regen nicht. Es blitze und die an den Kragen gesteckten Symbole, die seinen Rang markierten, funkelten durch die Nacht zu den Dreien, die gerade aus der Luke herabkamen.

"Major Leon, Agent Taina?", drang ihnen durch das Windheulen entgegen.

"Zur Stelle", rief der Major.

Die schlanke Gestalt neben ihm hob den Schirm ein wenig, sodass man ihr ebenmäßiges von hellblonden Haaren umringtes Frauengesicht mit den knallroten Lippen erkennen konnte und entgegnete: "Ja?"

Raylee spannte einen Schirm über sich, Riano und P auf.

Riano erklärte: "Ich bin Kaptain Riano, euer neuer Befehlsoffizier."

Die Agentin unter dem Schirm hob musternd eine Augenbraue.

"Lasst uns zusehen, dass wir aus dem Regen kommen", rief Riano.

Major Leon führte sie zu einem großen schwarzen Geländewagen. Sie stiegen ein Leon, Taina und Riano vorne, P und Raylee hinten. Leon fuhr mit einem leisen Surren die Maschinen hoch, das verstummte, sobald das in die Frontscheibe integrierte Display aufleuchtete. Dafür setzte das leise Rauschen der Heizung ein. Leon entriegelte die Bremse. Drückte auf den Erster-Gang-Knopf neben der Bremse und manövriete mit Hilfe eines Steuerkolbens von dem Landeplatz. Niemand sagte etwas und das leise wispernde Rauschen der Heizung erfüllte den ganzen Wagen. Links auf den Frontscheibe blinkte langsam die steigende Temperatur orange auf. Darunter wurde die Geschwindigkeit angegeben und darunter leuchtete die Verbrachsanzeige und die Restenergie. Als sie das Tor des Militärfluggeländes erreichten, richtete Riano sich an Leon: "Es reicht übrigens, wenn du mich Riano nennst, wenn wir zusammenarbeiten. Dem Bericht zufolge bist du ein besonders talentierter innerer Aufklärer gewesen für nun 7 Jahre."

Leon ohne die Straße aus den Augen zu verlieren erklärte: "Man tun was man kann, Kaptain... Riano. Man hört ja auch..." er stockte kurz und blickte im Rückspiegel alle Mitfahrer kurz kritisch an und fuhr fort, "von dir ungewöhnliche Dinge."

Taina legte gespannt ihren rechten Zeigefinger links neben ihre Nase.

Riano lächelte kaum erkennbar: "Nun das bring dann wohl dieses System so mit sich. Hier zu überleben ist nun mal nicht gewöhnlich."

Raylee starrte wie verhext auf Rianos Mund.

Leon nickte: "Wahr. Ich hoffe auf eine gute Zusammenarbeit. Als Major ist meine Erfahrung dass, die Fähigkeiten des einzelnen nie besser sind als die des Teams. Meine Erfolge verdanke ich einem exzellenten Team."

Riano zog einen Mundwinkel hoch und bemerkte: "Weise gesprochen, Major. Ich denke, wir werden ein fähiges Team bilden."

Der Regen wusch die Scheibe hinab. Riano blickte durch die Frontscheibe und döste etwas ein. Bald hörte der die Tropfen als Schläge auf Metall. Vor sich sah er wieder die Zellenwand des Piratenschiffs. fragte ihn eine Stimme. antwortete er. erwiderte die Stimme. Er drehte sich um und sah Hikari ganz als Mensch vor sich.

"Kaptain!" riss ihn eine Stimme aus dem Traum. Er blickte in Leons Gesicht.

"Riano, wir sind da!"

Der Regen fiel weiter aus der Dunkelheit die Scheibe hinab. Leon öffnete die Tür des Fahrzeuges. Raylee folgte ihm gleich und spannte ihren Schirm über ihm auf. Er nickte ihr zu und bedankte sich. Riano, P und Taina folgten ihnen aus dem Wagen. Vor ihnen lag eine alte Fabrikhalle. Ein Blitz spiegelte sich in den Scherben der zerbrochenen Fenster. Sie waren von hohen verwitterten Betonmauern umgeben. Sie gingen durch eine kleine verrostete Tür in das Innere der Halle. Es blitze wieder, der Wind heulte durch die kaputten Fenster. In der Halle war nichts mehr als Metallspäne, Rost und Scherben auf dem grauen Betonboden. Leon führte sie an das Ende der Halle durch einige ehemalige Büroabteilungen zu einer kleinen Stahltür von der die dritte Lackschicht abbröselt. Er holte eine Schüssel hervor und öffnete die Tür. Eine enge Treppe führte hinab. Nachdem alle durch die Tür gegangen waren, schloss er sie wieder und drückte einen Lichtschalter. Sie stiegen die Treppe hinab, gingen durch einen mit Rohren und Ventilen durchzogenen Gang und öffneten per Irisscanner eine Tür am Ende des Ganges. Vor ihnen lag eine vollkommen andere Welt. Ein strahlen weißer Boden, der das Licht der runden Deckenleuchten reflektierte, strahlte ihn entgegen. Eine saubere, moderne Einrichtung eröffnete sich ihnen. Zur Linken des Eingangs lag eine Dekontaminationskammer, dahinter in der Mitte öffnete sich der Raum zu einer Art Lounge. Mit einem runden Konferenztisch zur Linken mit einem integierten Holoprojektor. Einer Sitzgruppe in der Mitte und einer Art Kaffeeküche zur Rechten, die durch schalldichte Glaswände abgetrennt war. Ein Projektor warf an die Hinterwand in kantigen Lettern: "Einsatzzentrale bereit". Eine Tür führte am Ende des Raumes zu einem Gang mit hellgrünen Wänden, aus dem 9 Türen in 5 Zimmer, eine Waffenkammer, eine Werkstatt, ein biologisches Labor und ein Rechenraum führten. Am Ende des Ganges führt eine andere Tür wieder hinaus in einen anderen Teil des unterirdischen Schachtnetzwerks unter der Stadt, das sich bis zu den neuen Arbeitsviertel und dem Verwaltungssektor zog. Riano huschte ein Lächeln beim Betrachten ihrer Unterbringung über die Lippen. Hier ließ es sich arbeiten. Riano rief das Team zusammen und beschloss: "Es ist das Beste wenn wir uns zuerst ausruhen. Unsere Arbeit beginnt um 800. Ich erwarte euch also in 7 Stunden am Konferenztisch. Abtreten."

Sie zerstreuten sich jeder in seinen Raum. Riano öffnete seine Tür und schaltete das Licht ein. Der weiße Linoleumboden und die schneeweißen Wände strahlten zu ihm auf. Ein weißer Schreibtisch mit schwarzem Gerüst mit einem Holoprojektor stand rechts an der Wand. Links stand ein riesiger schwarzer Kleiderschrank, der überfüllt war Kleidung unterschiedlicher Berufe und Schichten. An der Hinterwand stand ein großes weißes bezogenes Bett mit schwarzem Rahmen und neben dem Kleiderschrank bei einem kleinen, schwarzem Schubladentisch stand ein weißer Sessel. Hinter dem Bett führt eine Tür in ein Bad. Riano ließ sich in den Sessel fallen und starrte auf die weiße Wand. Obwohl des Raum eigentlich eingerichtet war, wirkte er leer und kahl. Er stand auf und startete den Holoprojektor und stellte ihn so ein, dass er ein Bild an die Decke warf. Er schalte eine Sternkarte ein. Das war besser. Seufzend stand er auf um sich in dem Rest der Basis umzusehen. Er ging in die Werkstatt. Alle Wände waren mit Metallregalen zugestellt in der Mitte befanden sich unterschiedliche Arten von Werkbänken und Maschinen von den Riano nichts verstand. Die Tür öffnete sich. Eine überraschte Stimme fragte: "Kaptain?"

Riano drehte sich um. Raylee stand in der Tür. Sie schloss sie hinter sich und wunderte sich: "Was machst du hier?"

Riano lächelte: "Nicht so wichtig."

Sie lächelte ehrlich zurück. Ein Moment Stille entstand. Sie räusperte sich: "Übrigens, Kaptain. Ich habe mich also... Ich wollte gerne wissen wie du die Piraten überlebt hast. Du hast da irgendwie rausgefunkt aber wie? -Wenn ich fragen darf-"

Riano lehnte sich gegen das Regal und antwortete zögerlich: "Glück und ein gutes Team, das ist wie das ich überlebt habe."

Raylee war durch die Antwort nur noch neugieriger geworden und starrte ihn erwartungsvoll an. Riano hatte ein großes Vertrauen in Raylee. Etwas an ihr gab ihm das Gefühl, das sie aufrichtig war, und er hatte eine Vermutung, was das war. Riano bemerkte den Blick auf sich und begann vorsichtig zu erläutern: "Nun ich war zuvor von einem Expeditionsschiff aus dem Weltraum gerettet worden. Das wurde daraufhin von Piraten entführt. Die Piraten wollten mich erschießen, aber eine von den Forschern hat sich gegen mich gestürzt um mich zu beschützen. Sie hat auch eine Ecke mit Funk in unserer Zelle ausgemacht und sich in die Kommunikation gehackt. Ich habe den Funkspruch abgesetzt und wir wurden in Sicherheit gebeamt. Ich habe also nichts Besonderes getan."

Raylee blickte ihn gerührt an: "Wie heißt sie?"

"Hikari!" antwortete Riano ohne nachzudenken und schluckte bitter und blickte zu Boden. Raylee folgerte: "Aber die andere Überlebende war doch Biologin. Das war nicht sie. Ist sie... ? Das tun mir leid. Was ist ihr passiert?"

Riano blickte sie unsagbar traurig an. Ihr besorgter Blick antwortete ihm.

"Sie war schwer verletzt worden, als sie mich aus der Schussbahn gebracht hat. Sie ist nicht von dem Piratenschiff runter gekommen."

Raylee schluckte mit sichtbarem Entsetzen. "Das ist... furchtbar. Sie muss ein sehr guter Mensch gewesen sein, ihre Leben für andere zu riskieren, sie wäre sicher eine gute Friedenswache. Aber das heißt, dass du bedeutsam bist, wenn jemand, das für dich tut" versuchte Raylee ihn zu trösten.

Riano schüttelt traurig den Kopf und seufzte. Ihre Stirn schlug Falten und sie blickte Riano mitleidig an. Riano blickt auf in ihr Gesicht und war sich endlich sicher, warum er ihr vertraute. Um die Situation aufzuklären erklärte er schnell: "Ich sterbe vor Hunger. Ich werde einkaufen gehen."

"Unterstützung erwünscht, Kaptain?", fragte Raylee.

Riano lächelte: "Gern, Ich brauche nur eben etwas anderes als diese Uniform."

Er ging und zog sich um in einfacher Arbeiterkleidung. Dann brach er mit Raylee in Richtung der Arbeiterviertel auf.

Etwa eine Viertelstunde später erreichten sie das Ende des Ganges. Sie zogen die doppelten Sohlen ab, verstauten sie und stiegen einige rostige Sprossen zu einer Luke empor. Sie schwangen die Luke auf und standen in einer engen Sackgasse. Es roch nach verbrannten Abgasen und Urin. Zwischen der tiefen Häuserschlucht, in der sie standen, war kaum noch der dunkelgraue Himmel zu sehen und das wenige Licht, das überhaupt hinabdrang, war von einem winzigen zerbrochenem Fenster Stockwerke über ihnen. Sie bogen um eine Ecke und in eine etwas breitere von flackerten Natriumlampen, die an Drähten zwischen den grauen Betonwohnblocks baumelten, beleuchtete Straße. An den Fassaden hatte der schmutzige, saure Regen der nahen Werksanlagen dunkle Schlieren auf dem Beton und den Blasbausteinfenstern hinterlassen. Die zerbrochenen Bodenplatten waren von Krauten durchwuchtert, die die matschig aufgeweichten Pappverpackungsreste und halb zerfetzend Plastikabfälle nicht störten. Im untersten Stockwerk reiten sich Läden und mit Metalltoren verschlossene Lagerräume aneinander. Durch eine schmutzige Ladenscheibe drang neonhelles Flackerlicht, besonders an einer Stelle, an der wohl die Scheibe gerade erste von einer Schmiererei befreit worden war, die wenn man die Augen zusammenkniff durch das heller scheinende Licht noch als "die Revolution kommt!" gelesen werden konnte. Zwei Kameras hingen an jeder Häuserecke und spähten in beide Richtungen um, wenn notwendig, sofort ein Einsatzkommando zu alarmieren. Drei magere Arbeiter mit tiefen Augenringen drängten sich an Riano und Raylee vorbei und betraten den Laden. Ein alter zahnloser Mann in Lumpen kauerte auf einer nicht ganz so aufgeweichten Pappe vor dem Laden neben dem Müllcontainer und hoffte offensichtlich auf Essensreste. Er blickte zu Raylee auf um sie nach ihre Müll zu fragen, ließ das sprechen aber aufgrund der Aussichtslosigkeit seines Wunsches bleiben. Raylee schluckte und war froh zu den besseren in der Schule gehört zu haben, sie war als angesehe Paradiserin niemals in diese ärmlichen Viertel gekommen, da sie gut versteckt unter der Oberfläche in den Städten von Paradis lagen. Riano folgte ihrem Blick zu dem Alten und er konnte sich nicht helfen als mit dem Blick des Mannes mit zu leiden und presste die Lippen zusammen sich das nicht anmerken zu lassen. Er hatte immer eine gute Intuition für Menschen, aber seit er bemerkt hatte, dass das Essen ihn von Fühlen abgehalten hatte und er nichts aß außer puren Zucker -schon seit 10 Tagen- blickte er tiefer in die Menschen. Er war elendig hungrig doch jedes süße Gefühl, wenn er ein Lächeln sah, wenn er die Schönheit der Sterne bewundert konnte wie als Kind oder wenn er sich an die Verbundenheit zu Ming oder die Freundlichkeit von Hikari erinnerte, nährten ihn so viel wertvoller.

Während Riano und Raylee den Laden betraten, wisperte Raylee: "Warum kaufen wir denn hier? Die Qualität wird erbärmlich sein."

Riano grinste sie schnippisch an und schlenderte die gefüllten Regale mit immer gleichgroßen bunten Kartons mit bunten Etiketten bedruckt entlang. Synthsteak, Proteinriegel, Vollwertmahl Inhaltsoptimiert produziert, Knuspersquader, das gesunde Frühstück... Raylee blickte sich in dem Laden zweifelnd um. Einige Deckenplatten fehlten und die Belüftungsrohre blitzten zu ihr hinab und zu dem vergrauten Boden, an dem man noch Spuren von allen möglichen Spritzern sah. Die Preisschilder waren ausgebleicht und schmutzig. Riano war schon etwas vorgegangen und stellte sich neben einen der Arbeiter vor ein Kühlregal. Er beugte sich vor und nahm eine Packung vor der Nase des Arbeiters weg und wisperte dabei: "Echtkost wär was Feines."

Der Arbeiter erstarrte, blickte nervös mit dem Augenwinkel nach rechts und nach links und raunte: "Recht-gradeaus-rechts-grünes Tor."

Und wand sich ab und eilte seinen Freunden hinterher. Riano wand sich um zu Raylee und nahm vor ihr die Knusperquader aus dem Regal. Sie blickte ihn verwirrt an, aber er ging wortlos zur Kasse und zahlte mit vielen kleinen Münzen. Als er aus dem Laden ging, stieß er mit der Packung gegen die Tür und sie fiel in eine Pfütze vom letzten Regen. Er begutachtete sie seufzend und befand: "Das ist Müll."

Mit diesen Worten wand er sich nach rechts. Raylee eilte ihn hinterher vorbei an dem Alten, der schnell die Packung aus dem Wasser zog und mit leuchtenden Augen aufriss.

"Das war gutmütig von dir." erklärte Raylee. Auch wenn "gutmütig" sonst ein Pseudonym für dumm war, klang etwas Versöhnliches mit. Riano blickte sie überrascht und kopfschüttelnd an: "Du meinst ungeschickt."

Raylee sagte nichts weiter, blickte nur kurz zurück zu dem Alten, der die Packung in den Armen hielt wie ein Schatz und damit um die Ecke verschwand und lächelte zaghaft. Riano überquerte die Querstraße, die nur spärlich beleuchtet war. Er blickte auf, als kurz ein Stern zwischen den zerreißenden Wolken auftauchte. Dort jenseits der Welt lag solch eine freie Weite. Er bog in die nächste Straße rechts ein. Eine einzelne schiefe Laterne stand 10m entfernt und glimmte. Riano blickte sich um und erkannte zwischen einer mit Holzbalken provisorisch reparierte Haustür und einem Stapel aus aufgequollenen Kartons und Holzbretter ein grünes Tor zu einem Lagerraum. Er ging zu der kleinen Tür an der Seite im Tor und drückte vorsichtig die Klinke runter. Raylee stand einen Meter hinter ihm und blickte ihn fragend an. Sie standen in einem Lagerraum in dem kistenweise Overalls und Kittel standen Neolicht flutet aus der Mitte des Raumes hinab hinter den Kisten Türmen. Ein älterer Arbeiter mit einer Stofftasche kam ihnen entgegen und ging zu der Tür hinaus.

Raylee flüsterte: "Was wollen wir mit Kleidung?"

Riano ging aber an den Kistenstapeln einfach vorbei zu einer kleinen metallenen Hintertür hinter den Kisten. Er wartet kurz auf Raylee und ging mit ihr durch die Tür. Sie standen in einem anderen hohen Lagerraum. Metallrohre liefen kreuz und quer über die Decke, die Betonwände hinab und verschwanden irgendwo in dem kahlen staubigen Betonboden. In diesem Raum standen Metallregal und Tische gefüllt mit fremden Früchten und Gemüsen, Kräutern und Knollen. Dazwischen besahen einige Arbeiter mit verstohlenen Blicken die Ware und füllten in die Tasche, was sie für gut erachteten. Keiner blickte eine anderen an oder wurde angesehen, als seien sie alle füreinander unsichtbare Geister. Raylee besah fasziniert die vor ihr liegenden Pflanzenteil und blickte zurück zu Riano. Sie wusste nicht was sie mit diesen Pflanzen anfangen sollte, sie war schließlich keine Botanikerin. Riano flüsterte im vorbei gehen: "DAS ist Essen."

Raylee stutzte und nahm eine türkise, plüschige, faustgroße Frucht in die Hand und besah sie von allen Seiten. Sie hob sie vorsichtig und roch daran. Sie roch süß, so ähnlich wie Eisen-Calcium-Götterspeise nur irgendwie weniger aufdringlich und lieblicher. Sie steckte sie neugierig in ihren Beutel, das musste sie probieren. Soetwas hatte sie noch nie probiert, soetwas gab es auf Paradis nicht. Riano war schon weiter voraus und wählte aus dem Gemüse, ein Tüte pinke spiralförmige Bohnen und einigen holzigen Knollen. Raylee besah weiße aufgequollene Kerne, die in einer Flüssigkeit in einem Glas schwammen. Sie kippt das Glas hin und her und sah sie langsam zäh hin und her fließen. Sie hockt sich hin und roch an allen möglichen Sorten von Kernen und blieb bei einer porösen graugrünen Sorte hängen, die sich ölig in ihren Finger anfühlte. Die füllte eine schaufelvoll in eine Papiertüte und stand wieder auf und witmete sich den Kräutern und bemerkte fast nicht, dass sie wieder neben Riano stand bis er sie fragte: "Was hältst du von Salat?"

Überrascht blickte sie kurz zu ihm und blickte die Kräuter an, aus diesen Blättern konnte man Salat machen? Sie nahm ein Bund violett durchäderter fleischiger Blätter in die Hand. Salat waren doch rechteckige synthetisierte Vitaminpapierstreifen. Soetwas war auch Salat? Riano nickte: "Das scheint mir eine gute Wahl. Wollen wir dann?"

Raylee nickte abwesend und folgte Riano die Waren bestaunend zur Kasse, sprich einem kleinen Tisch, auf dem eine Truhe stand und ein kleines Rechenpad daneben lag. Riano zahlte und sie gingen hinaus durch den Lagerraum zurück.

Erst nachdem sie wieder sicher in den Schacht zurück geklettert waren, erklärte Riano: "Hör zu, ab sofort werden wir alle nur noch Echtkost essen."

Raylee blickte ihn fassungslos an und stotterte: "Wa-warum?"

Riano erklärte: "Das ist etwas, was niemand erfahren darf. Es ist eine riesige Verschwörung. Hast du dich jemals gefragt, warum alle anderen so anders denken, als du und ihnen alles so wenig wert zu sein scheint? Es ist im Essen. Ich hab dich während unserer Reise gut beobachtet und erkannt, dass du eine von denen bist die immun sind. Offensichtlich gibt es irgendwelche Feinde Humanations, die gut organisiert die Nahrungsmittelproduktion dermaßen beeinflussen, und zwar überall. Der einzige Weg sicher zu sein ist, Echtkost zu essen."

Rianos Worte durchfuhren Raylee mitten durch die Brust. Raylee hörte es immer lauter in ihren Ohren rauschen, Blut schoss in ihren Kopf. Schon immer hatte sie sich anders gefühlt, aber wie konnte Riano das sehen? Wie konnte er einfach in sie sehen und erkennen das sie anders war. Er war auch anders. Er erkannte sie. Ihre Augen weiteten sich panisch. Sie fühlte sich ertappt, wie ein kleines Kind das beim Lügen gestellt wurde. Also war es immer wahr gewesen. Sie war anders, er war anders. Ihr ganzes Leben hatte sie sich auf Paradis wie ein Alien gefühlt unter den Menschen. Sie hatte immer in der Angst gelebt, dass es jemand auffallen könnte, dass sie abnormal war, dass sie sich verlieben konnte, und sie für psychisch krank befunden wurde, ausgestoßen wurde oder verfolgt wurde. Dabei fühlt sie sich wohl so wie sie war, sie wollt nicht anders sein, auch wenn sie dann dazugehören könnte zu dem Durchschnitt. Sie hatte immer gefürchtet, dass man sie eines Tages zwingen würde, anders zu sein. Riano aber streckt ihr die Hand hin und lächelte: "Keine Angst! Es ist gut, dass du immun bist."

Sie nahm seine Hand und fühlte sich ein Stück beruhigt. Er lächelte, er fühlte, er fühlte mit ihr. Das erste mal war sie nicht allein. Er strich über ihre Hand und sie fühle ein sanftes Kribbeln.

"Das muss unter uns bleiben, komm wir sollten zurück."


Am Himmel an den Wolken glimmte schwach das erste Morgenrot. Professor Yonatan hatte gerade die erste Vorlesung beendet und packte seine Tasche und schob die Tafel aus dem Raum, damit sie nicht die nächste Veranstaltung störte. Als er zurückkam, wartet in dem Zwielicht, das die Tafelbeleuchtung im Hörsaal übrig ließ eine Gestalt in der zweiten Reihe. Er blinzelte durch die Scheinwerfer, schob seine Brille zurück und rief: "Hallo? Haben sie noch Fragen?"

Die Gestalt erhob sich und kam die paar Stufen hinab in das Licht. Es war ein Mädchen, für eine Studentin noch jung. Blonde Haare hingen in ihr Gesicht und verdeckten das linke ihrer blauen Augen. Sie trug einen weißen Mantel und eine, der gewöhnlichen grauen Hosen mit den dünnen Beinen, darüber tiefgrüne hohe Stiefel. Sie war keine graue Maus, aber stach auch nicht aus der Menge der Ergeizigen auf ihr Ansehn bedachten Studentinnen heraus. Sie trug noch beige Handschuhe. Yonatan nickte freundlich und fragte: "Was gibt's denn?"

Sie lächelte leicht und fragte: "Wissen sie zufällig, wo ich Professor Ming Guang finde?"


Fortsetzung im Juli

nächstes Kapitel lesen…