Humanation

7. Kapitel: Kaptain

Riano stand die Arme hinter dem Rücken verschränkt vor einer schmalen Fensterluke und starrte in den von Sternen übersäten Himmel. Er war hungrig und fühlte sich ausgezehrt und schwach, aber er fühlte es und dieses quälende Gefühl gab ihn in seiner Intensivität eine unglaubliche Genugtuung. Er hatte mehr als 24 Stunden nichts mehr gegessen. Nur Wasser getrunken und war wieder mit der Zeit feinfühliger geworden. Er konnte sich wieder an Hikari erinnern an die Gefühle, die sie erzeugte, die Wärme in seiner Brust verstanden zu werden und der stechende Schmerz, das sie nicht mehr da war. Aber er wollte diesen Schmerz um nichts missen, nicht vergessen was er verloren hatte, weil es die mächtigste Empfindung war, die er jemals gefühlt hatte. Sie war noch da durch seine Erinnerung und Gefühle und er wollte sie nicht vollends verlieren. Der Schmerz, das sie tot sein musste, war hart genug. Aber die Gleichgültigkeit sie zu vergessen würde ihn umbringen. Seine Gedanken schweiften ab fern zu den Sternen, die er betrachtete. Dort hell und klar der nächster Stern Blua und die ferne Sternenbilder die er zur Orientierung gelernt. Es war immer sein Traum gewesen durch den Weltraum zu streifen irgendwo da draußen zu sein, als ein zuvernachlässigendes Objekt in einer unendlichen Weite unendlicher Möglichkeiten und Welten zu sein, die er voller staunen entdecken konnte. Als Kind wollte er immer ein Entdecker sein, neue Welten erkunden und Kolonien gründen an unwahrscheinlich, aber verzaubernden Orten um die Menschheit voran zu bringen. Deshalb war er eine Friedenswache des interstellaren Friedens geworden. Er blickte auf seine Reflexion in der Scheibe vor sich und aus seiner Erinnerung erschien auch Hikaris Reflexion. Sie lächelte in seine Erinnerung und das erfüllte ihn mit Lächeln. Er wünscht seufzend mit ihr hinauszufliegen zwischen die Sterne. Aber das war nun nicht mehr möglich. Aber er konnte das noch tun. Eines Tages würde er diesen Traum verwirklichen, eines Tages. Er hörte leise jemand hinter sich und fragte ohne einen Blick von den Sternen zu wenden: "Was gibt's Ming Guang?"

Ming antwortete: "Wir sind fast da. Wir docken demnächst am Raumhafen."

Riano drehte sich um: "Du denkst doch nicht, dass das bedeutet, dass wir uns nicht mehr sehen?"

Ming seufzte: "Ich weiß nicht! Darum..." und hielt ihm die Hand hin.

Riano schüttelte den Kopf: "So einfach wirst du mich nicht los. Ich habe nicht vor irgendetwas zu vergessen, auch nicht was wir beide erlebt, überlebt haben. Du wirst von mir hören." und er nahm ihre Hand.

Ming nickte und lächelte: "Ich freue mich darauf von dir zu hörten, Riano."

Sie waren sich näher gekommen und hatten trotz ihrer Unterschiede einen tiefen Respekt und Sympathie füreinander entwickelt. Sie teilten eine Geschichte, die sie verband und zusammenfügte. Und so ungleich ihre Rollen im Universum auch waren, sie fanden er schade, dass ihre gemeinsame Reise endete. Die Lautsprecher knackten und die Stimme von Frez drang durch das Schiff: "Andockmanöver initiiert, alle Mann auf Position. Ankunft an der Adamstation Paradiszeit 13. Kaptain Frez Ende"

Wenig später verstummten die Maschinen der Manövriertriebwerke. Sie mussten angedockt haben. Riano blickte Ming an: "Komm lass uns erst einmal vom Schiff gehen." Riano führte Ming durch die Schwerlosigkeit die Gänge entlang einige Level hinab zu dem niedrigsten Level und über die 10 mal 10 Meter Luke in dem Boden in den Schleusenbereich, in dem für Menschen ein enger Gang eingefasst war, in dem man sich ohne Problem entlangstoßen konnte. Am Ende des von kleinen Spots erleuchteten Gangs kamen sie in die F-Kreuzerhalle der militärischen Raumstation, einen stählernden Zylinder mit 80 Meter im Durchmesser und 20 Meter lang. Durch Rotation wurde eine künstliche Schwerkraft von 0.5 g erzeugt, sodass dort an der Wand des Zylinders beschäftigte Techniker an ihnen auf der Wand stehen vorbeirasten, sowie riesige Reperaturmaschienen, neue Raketen, Reserven und ähnliches. Ming wurde bei dem Anblick der sich in einer viertel Minute um sich selbst drehenden Menschen instinktiv unwohl und sie blickte zu Boden um in die Haupthalle zu kommen. Vor ihr waren 15 Fußbreite Ringe, von denen sich jeder etwas schneller drehte, sodass man sich langsam der entgültigen Hallengeschwindigkeit annäherte. Riano ging unbeeindruck in die Halle ohne zu zögern. Ming holte tief Luft und ging langsam von Ring zu Ring bis sie schließlich in der Halle stand und zurückblickte zu dem Eingang, der nun rasant zu rotieren schien. Es war noch ein zweiter F-Kreuzer gerade angedockt. Das dritte Modul war leer. Fregattenadmiral Frez sprach mit seinem ersten Offizier und dem Fregattenadmiral des anderen Schiffes.

Ein an Ärmeln und im Gesicht ölbefleckter Techniker trat an Ming Guang heran: "Verzeihung, Professor, Ich wurde beauftragt sie an die Oberfläche zu bringen. Mein Name ist Quiron."

Ming lächelte und nickte ihm zu. Er deutete eine Verneigung an und setzte fort: "Wenn sie mir bitte folgen wollen..."

Quiron ging voraus eine Leiter hinauf in den 20m breiten Gang, der in die Kleinklasseschiffshalle führte. Ming blickte sich ein letztes Mal um und erhaschte einen letzten Blick auf Riano, der darauf hin zwischen Raketen und Wassertanks verschwand. Sie trat in den Mittelgang, in dem sie kaum noch die Fliegkraft fühlen konnte. Quiron führte sie den Tunnel entlang, in dessen Mitte eine Fahrschiene für Lasten entlang fuhr. Sie kamen an den Ausgangstunneln zu den kleineren Schiffen vorbei, das vor ihnen rotierte, von außen betrachtet also stillstand. Aus dem Gang schwebten einige Soldaten herein und stießen sich in dem rotierenden Tunnel mit magnetisierten Sohlen zum Boden. Eine Palette mit Nahrungsmittel kam an der Schiene vorbei geschossen und wurde über dem Zugang angehalten. Die Rotation des Schienensegments wurde langsam abgebremst auf die Geschwindigkeit der Öffnung und dann automatische die Last mit einem sanften Stoß in Richtung der Schiffe befördert, wo Arbeiter schon auf die Fracht warteten. Quiron machte einen flachen Sprung über die Ausgänge hinweg. Ming folgte ihm.

Sie kamen in die nächste Arbeitshalle, die etwa 30 Meter lang war. Der Mittelschacht, den sie entlanggingen, bestand hier aus Metallgittern über der Halle um die Transportschiene. Alle 10 Meter führten drei Leitern hinab in die Haupthalle. Unter ihnen arbeiteten Mechaniker an Teilen von Antriebsystemen und Versorgungsmaschinen, die zu wahrten waren. An der einen Seite waren Hunderte Paletten und Wassertanks gestapelt, auf der andere waren Altwäschekontainer der Schiffe gelagert. An einem Punkt hatten sich Friedenswachen gesammelt und spielten Karten und aßen. Offensichtlich warteten sie auf ihren Abflug.

Quiron und Ming gingen auf dem Metallgitter entlang in den nächsten engeren Gang. Ein Motorteil fuhr über ihrem Kopf vorbei. In der Mitte des Tunnels war wiederum ein nichtrotierendes Stück, diesmal mit 6 Tunneln nach außen. Quiron machte einen Satz auf diesen Teil und hielt sich an Haltegriffen an den Wänden fest, während seine Beine empor schwebten und er sich vor Ming wegdrehte. Sie folgte seinem Beispiel. Mit Hilfe von Griffen zogen sie sich in einen Tunnel und schwebten ihn entlang vorbei an querverstrebten Stangen um sich weiterstoßen zu können, die für Frachtverladung eingefahren würden. Am anderen Ende des Ganges gelangten sie durch eine Luke in ein Shuttle, dessen Kabine vielleicht 5 Meter breit und 10 Meter lang war, in der auf Bänken an der Wand Techniker und Verladekräfte saßen, die ihre Schicht vollendet hatten. Ming setzte sich rechts neben Quiron und schnallte sich an. Sie blickte sich in dem engen grauen Innenraum um. Über ihrem Kopf in Netzen waren Taschen und Werkzeugkoffer befestigt. Eine Technikerin und ein Arbeiter schwebten herein und suchten sich einen Platz auf der anderen Seite des Shuttles. Die Luke schloss sich. Knackenden durch einen Lautsprecher dröhnte: "Alles anschnallen, Wir sind Startklar. Starterlaubnis erhalten. Dockmodul gelöst. Start in 5... 4... 3... 2... 1" Mit einem Ruck setzte sich das Shuttle in Bewegung umkreiste von außen die Raumstation und setzte Kurs auf Paradis auf die Hauptstadt Peacegarden.


Frez blickte von dem Fregattenadmiral der F-6-delta zu Riano und winkte ihn herüber: "Oberleutnant!" Riano näherte sich: "Fregattenadmiral?" Frez erklärte dem anderen Fregattenadmiral: "Das ist den Mann, der es geschafft hat sich selbst aus dem Piratenschiff zu retten. Oberleutnant Riano berichte Fregattenadmiral Dengard über ihre Gefangennahme."

Riano entschied, dass es nicht weise wäre über die unerklärlichen Ereignisse auf Syfor zu berichten und begann: "Nun nachdem meine Gefechtsstation zerstört wurde, hat mich ein kleineres Piratenschiff aus dem All gezogen und ich wurde Gefangener an Bord des, danke Fregattenadmiral Frez, zerstörten K-3 Kreuzers und zusammen mit Professor Ming Guang in eine Zelle gesperrt. Vermutlich wollten die Piraten den größtmöglichen Nutzen aus uns schlagen, ehe sie uns exikutieren."

Dengard nickte anerkennend: "Geschick und Glück Oberleutnant. Man hört ja hin und wieder Geschichten aus dem Omegasystem und die K-7-alpha war noch eins der Schiff, das es dort lange ausgehalten hat. Das ist nicht zu letzt ihr Verdienst. Wenn sie so weiter machen, werden sie sicher noch ein legendärer Kaptain."

Frez nickte: "Sie haben Omega mutig verteidigt. Es würde mich nicht wundern, wenn sie schon bald wieder losfliegen, aber in ihrem eigenen Schiff."

Riano winkte ab: "Fregattenadmiräle, solche Ambitionen sind in meiner momentanen Situation fern."

Dengard schüttelte den Kopf: "Sie haben bemerkenswerte Arbeit geleistet in dem System. Hier im Mothsystem sieht man jeden, der es überhaupt wagt dort zu fliegen, als Helden. Für uns Mothsystem Offiziere wäre die Situation in Omega unerträglich."

"Kommen sie, lassen sie uns an die Oberfläche fliegen." bestimmte Fregattenadmiral Frez und sie machten sich auf den Weg zu dem Shuttle.


Mit einem klingenden Geräusch öffnete sich die Fahrstuhltür. Riano trat in die enge Stahlkammer und drückte die drei Knöpfe, die seine Zielkoordinate im Gebäude markierten. Auf der Wand erschien eine Abbildung dieser Koordinaten. Er achtete nicht darauf, sondern blickte auf die spiegelnde Rückwand um seine rotbraunen Haare zu ordnen und seine Oberleutnantsuniform zurecht zu rücken. Erneut ertönte ein pingendes Geräusch, das Riano veranlasste sich hektisch umzudrehten, wobei einige Haare wieder in Unordnung gerieten. Eine Frau mit starr zurückgebunden, rotblonden Haaren trat in den Aufzug und drückte ihre Zielkoordinaten und drehte sich der sich schließenden Tür zu ohne Riano Beachtung zu schenken. In dem Arm hielt sie einen Packen Dokumente und Datenträger. Sie trug ein formelles dunkelblaues kurzes Kleid mit weißen Linien auf den Ärmeln und am schrägen Saum. Der Fahrstuhl setzt sich in Bewegung und öffnete sich einige Augenblicke später an Rianos Zielort, dem Dezernat für den interstellaren Frieden im Omeagsektor. Er trat aus dem Fahrstuhl, der sich hinter ihm wieder schloss. Er stand in einem quadratischen Raum in den links rechts und dem Fahrstuhl gegenüber Flure mündeten. Nervöse drückte er seine Schuhe auf den dunkelroten spiegelnden Steinboden und holte Luft. Er ging den mittleren Gang entlang ohne auf die sauber gerahmten Bilder der K-Klasse Schiffe zwischen den Türen an den weißen Wänden zu achten. Aus den runden Deckenleuchten fiel weißes Licht auf seine immer noch ungeordneten Haare. Er blieb an einer Tür stehen und drückte eine Klingel. Aus einem kleinen Lautsprecher neben der Tür tönte: "Herein!" Riano drückte die Türklinke und trat durch die weißlackierte Tür in einen geräumigen Büroraum mit Blick über die Skyline von Peacegarden durch eine große Fensterfront der Tür gegenüber. Zum Linken war fast die ganze Wand von einem riesigen Bild eines A-Klasseschiff, der größten Friedensschiffsklasse die es gab, gefüllt und zur Linken füllte eine Sternkarte, die möglichst Zeitgleich die Position der Himmelskörper mitbewegte zu sehen. In der Mitte an einem gläsernen Schreibtisch lief ein Hopro an dem ein alter, faltiger, glatzköpfiger Mann in einer prächtigen Uniform saß. Er blickte auf und wies auf den schwarzen Ledersessel vor dem Schreibtisch. Riano nahm Platz. Er schloss das Program, das er gerade bearbeitete, und rief Rianos Akte auf.

Er räusperte sich und blickte Riano mit einer gehobenen Augenbraue an und begann: "Also Oberleutnant N 2734418 wo sollen wir sie nun einsetzten? Ihrer Akte entnehme ich nur vorbildliche Leistungen. Sie sind auf die Piratenbekämpfung in Omega spezialisiert. Die Schiffe sind aber schon mit Waffenoffizieren ausgestattet. Wir hatten eine andere Idee für ihre Zukunft."

Riano blickte in fragend an, der Admiral von Omega fuhr fort: "Sie sind ein Überlebender der Piraten und Sie haben es aus eingener Kraft geschafft zu entkommen. Es scheint, als ob Sie ein Gespür für ungewöhnliche Situation hätten. Offenbar verstehen Sie genug von ihren Feinden um sie zu überlisten. Das könnte für eine ganz andere Aufgabe von Vorteil sein. Wir haben Spezialeinheiten, die verdeckt in den Kolonien Widerständler aufspüren und eliminieren soll, und dafür benötigen wir tatsächlich noch einen Kaptain um ein weiteres Spezialteam nach Ying zu schicken. Sie arbeiten dann als Anführer einer 5 köpfigen Spezialeinheit. Nehmen Sie an?"

Riano murmelte überrascht: "Kaptain?..." er war noch nicht so lange Oberleutnant und die nächste Beförderung sollte zunächst Minorkaptain sein.

Er nahm sie zusammen: "Natürlich, Admiral Zean!"

"Nun", der Admiral stand auf. Riano erhob sich ebenfalls.

"Kraft meines Amtes als Admiral von Omega ernenne ich Sie zum Kaptain", er kam um den Tisch herum, "Tragen Sie diesen Stern mit Stolz. Möge er Sie erinnern an den Schwurr auf das Licht des Heimatsterns, den sie zu beschützen ihr Leben geschworen haben."

Der Admiral nahm einen silbernen Stern und heftete ihn links an Rianos hohem Stehkragen fest. Riano antwortete gemäß der Formel: "Ich schwöre auf die Erde der Planeten, den Raum unserer Flügel, die Kameraden und das Licht des Heimatsterns."

Der Admiral ging wieder um den Tisch, trug die Beförderung ein und erklärte: "Finden sie sich morgen um 900 am Haupteingang zum Ministerium für inneren Frieden, investigativ Sektion ein. Mit dieser Karte haben sie Zugang. Dort werden sie zwei Mitglieder ihres Teams treffen. Die anderen befinden sich bereit in Anpin. In diesem Datencube steht ihr genauer Auftrag."

Der Admiral gab ihm eine weiße Karte und einen winzigen Metallwürfel. Riano deute eine Verbeugung an. "Abtreten!", rief der alte Admiral und hustete. Riano salutierte und ging. Kaum war die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen, beäugte er noch einmal ungläubig den silbernen fünfzackigen Stern, der ihn als Kaptain kennzeichnete. Kaptain, der hatte gerade einen ganzen Rang übersprungen. Dieser Auftrag musste für Humanation von großem Interesse sein, wenn der Admiral Omegas ihn persönlich deshalb empfangen hatte. Möglicherweise setzte man auf rasche Resultate vor den Wahlen. Ein Gedanke schoß in seinen Kopf und Träne füllten seine Augen. Hikari hatte es gesagt. Hikari hatte gesagt, dass wenn er am Leben bliebe, er damit mehr erreichen könnte und sie hatte Recht behalten, aber was hätte sie erreichen können, wenn sie noch lebte. In ihr steckte soviel Weisheit, auch wenn ihre Ansichten seltsam und unvorsichtig waren. Er hätte sie retten können, hätte er sie nur erreicht. Er hätte sie von den Cyberzeug befreien können, so dass sie ein normaler Mensch sein konnte. Sie hatte es so viel mehr verdient gewürdigt zu werden als er. Er seufzte tief und schluckte den Kloß in seiner Kehle runter.

Biltzend brach das Licht der G-Sterns an den Glasfassaden herab auf die breiten Wege der tieferen Ebenen, über den die Sichel des Gasriesen strahlte. Ming Guang schlenderte über die getrübten Glassteine aus der dritten Ebene der Centerallee, einer Art Shoppingmeile in Peacegarden, der größten Stadt auf Paradis. Die Straße führte über eine Häuserlücke hinweg und etwa 30m tiefer in dieser Lücke verlief die 6-spurige Straße zwischen den gigantischen Fensterstahltürmen, die bald unter einem Weg der zweiten Ebene verschwand. Einige über Oberflächlichkeiten schwätzende Frauen liefen mit zielstrebigen schnellen Schritten von hinten an Ming vorbei. "... und der neue Protidrink ist so gesund. Ich habe damit schon 2 kilo abgenommen. Ich hätte es auch nicht gedacht..." Es war noch Vormittag in der Stadt und die Meile nur von den wenigen die jetzt Zeit und Geld hatten gefüllt. Ming blickte sich um. Eine Art von Nostalgie erfasste sie. Einst war sie hier Student gewesen, war sogar berufen worden. Sie seufzte und setzte sich auf eine Bank an einem runden Fontänenbrunnen. Sie beobachtete die Menschen. Kaufen auf dieser Ebene konnten sich nur die erfolgreichsten leisten. Zwischen den Passanten blinkte hin und wieder ein Visier der Helme der Kräfte des inneren Friedens in der Sonne, nicht das die Läden nicht auch Videoüberwachung hätten, doch Personen waren für diese Aufgaben unersetzbar ohne Cygefahr. Projektionen von Werbebotschaften flimmerten etwas weiter vorne in der Luft und priesen die neuste Mode an, indem übergroße holographische Modells über der Allee auf und ab stolzierten.

Dieser Mond war so anders als Ying. Auf Ying war die produzierende Wirtschaft einfach nicht so weit eine Luxuslebensweise wie auf Paradis zu ermöglichen. Alle waren ähnlich arm und kämpften darum den Planeten zu einem besser besiedelbaren Ort zu machen. Hier war das anders, hier war das Zentrum der Zivilisation. Alles war möglich, wenn man wollte und erfolgreich war. Über dem Brunnen unter dem Ming saß erschien Werbung für die Humatunion und ihren Präsidentschaftskandidaten, der von einem der neugebauten Riesentürme in den Sonnenaufgang über Peacegarden blickte mit dem Slogan: erschien. Ming blickte nur kurz auf und seufzte. Der Blick über diese Menschen gab, nur ein unvollkommenes und absurd steriles Bild der Gesellschaft ab. Denn es verschwieg all die nicht so erfolgreichen, all die Arbeiter in der Unterstadt, die mit Nahrungsproduktion, Energieerzeugung, Maschinenproduktion, Wartung und städtischen Versorgung beschäftigt waren und durch diese gering geschätzte Arbeit nicht das Geld verdienten hier oben einzukaufen und zu leben. Ebenso verschwieg es das Leben der Reinigungskräfte und Lagerarbeiter, die Logistiker und Servicekräfte, die nicht viel besser bezahlt wurden und nur durch ihre Arbeit hier in einer grellen, hübsch und überschminkten Uniformität zu sehen waren und doch selbst nicht davon so leben konnten. Noch mehr verschwieg es die Alten, Kranken und Arbeitsunfähigen und Mittellosen, die tief unten in den Versorgungsschächten der Stadt ihr Dasein fristeten. Mit diesen Gedanken konfrontiert, erschienen Ming all die hübsch geschminkten Frauen mit den hellgefärbten Haaren in ihren schiefen, kurzen Röcken und die großen, breitschultrigen, dunkelhaarigen Männer mit den einärmligen Hemden wie gruselige Puppen. Es wurde Zeit das sie nach Ying zurückkehrte, nach Anpin, in die Stadt, die all ihre Hässlichkeit nicht verbergen konnte.


Punkt 9 Uhr stand Riano an der Hauptpfort des Ministeriums, das von einer 3m hohen Stahlmauer umgeben war. Er trat an das Pförtnerhäuschen neben dem Stahltor und erklärte dem Fähnrich des inneren Friedens: "Ich habe hier einen Termin." Der Fähnrich erwiderte nur: "Karte!" Riano zog seine Karte. Der Fähnrich las sie ein und öffnete das Tor. Er gab Riano die Karte zurück. Riano nickte ihm zu und durchschritt das Tor. Er ging geradewegs auf das große Betongebäude mit den winzigen Fenstern zu. Er trat durch das Metalltor, über der in großen Buchstaben "MINISTERIUM FÜR INNEREN FRIEDEN" stand, in eine runde Vorhalle, die von einer Wendeltreppe umlaufen bis in den siebten Stock führte, von wo durch ein getrübtes Fenster blass Licht herabdrang. An der Rückseite lagen ein Korridor nach rechts und einer nach links und zwei Aufzugtüren in der Mitte. Zwei Gestalten traten aus dem Aufzug in den Schatten. Die größere Gestalt sprach Riano an: "N 2734418?"

Riano antwortete: "Ja?"

Die Gestalten traten näher in das dumpfe Licht. Ein großer, langer, hagerer Mann mit weißblonden Haaren und eine kleine, zierliche, junge Frau mit braunen Locken um ein weiches Gesicht zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden standen Riano gegenüber. Er weiße Hüne fuhr fort: "P5641028 und P3250271 zu ihrer Verfügung."

Ein zaghaftes Lächeln huschte über das Gesicht, der kleinen in einer mit Öl bespritzen Arbeitsjacke gekleideten Technikerin und sie erklärte: "Wir sind unter ihrem Kommando. Ich bin Leutnant Raylee, Pilotin und naturwissenschaftlicher Ingenieur und das ist Leutnant P5641028 Informatikingenieur. Wir sind jederzeit zum Abflug bereit. Die Y-10-delta-kappa-a steht uns zur Verfügung."

Riano musterte erstaunt ihr Gesicht: "Freut mich mit euch zusammen zu arbeiten. Es reicht, wenn ihr mich Riano nennt."

"Jawohl, Kaptain!", antworteten beide wie aus einem Mund.

Riano lacht auf und schüttelte den Kopf, während er sie anblickte. Das war jetzt seine ganz eigene Einheit, er war Kaptain. Aber wenn er sie anblickte, hatte er gar keine Lust sie herumzukommandieren, dafür hatte er mit Gefühlen zu viel Empathie: " und reicht mir als Anrede, Kameraden."

Die beiden blickten sich etwas überrascht an und nickten.

Er schenkte ihnen ein Lächeln: "Dann kommt! Lasst uns nach Omega aufbrechen."


Die Monde um Humat waren kaum noch als Scheibe aufzulösen von der Y-10-delta-kappa-a aus. Mit konstanter Beschleunigung entfernten sie sich von dem Gasriesen und steuerten das Omegasystem an. Raylee saß entspannt im Pilotensitz und überprüfte den Kurs. P war in einer Kabine am Schlafen. Riano saß neben ihr in dem Copilotensitz und beobachtete sie. Sie blickte schließlich zu ihm auf: "Kaptain ist etwas?"

Er schüttelte den Kopf: "Nein, nichts Dringendes. Hast du schonmal in so einer Einheit gearbeitet?"

Raylee schüttelte den Kopf: "Nein, ich bin ehrlich gesagt selten überhaupt aus den Laboren der inneren Sicherheit herausgekommen. Wir haben immer irgendwelche Projekte bekommen, an den wir zu arbeiten hatten. Als letzte habe ich an den neuen Jägern mitgearbeitet. Aber ich habe noch nie in einer kleinen Einsatztruppe gearbeitet. Ich hoffe das wird kein Problem für unsere Mission."

Riano schüttelte den Kopf und lächelte sie an: "Ich denke nicht und wenn, wäre es ja meine Aufgabe, dein Talent an der Stelle einzusetzt, wo es gebraucht wird."

Sie musterte ihn eingehend: "Mit Verlaub Kaptain, du hast einen ungewöhnlichen Führungsstil."

Er nickte: "Ich denke, wir sollen uns verstehen und vertrauen. Sonst werden wir niemals vertrauenswürdig genug sein um unsere Zielpersonen zu erreichen."

Raylee lächelte freundlich: "Das ist eine ungewöhnliche Haltung."

Riano genoss einen Moment ihr ehrliches Lächeln, ehe er antwortete: "Mir sind in letzter Zeit einige ungewöhnliche Dinge passiert, die mir dafür die Augen geöffnete haben."

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