Humanation

6. Kapitel: Professor

"Willkommen zu den HTV Kurznachrichten. Auf Paradis wurde die größte Modemesse Humanations die "Futur-Fashion-Fare" in Merrilan eröffnet und steht für eine Woche Besucher aus allen Welten offen.

In Peacegarden wurden bei einer Konferenz zwischen Handelsministerium, Arbeitsministerium und Vertretern der größten Wirtschaftskonzerne Eckpunkte für einen neuen nachhaltigen Beschäftigungsplan ausgearbeitet. Demnach sollen in dem nächsten Jahr bis zu zehntausend neue Stelle auch für niedrig qualifizierte Arbeitnehmer entstehen. Im Gegenzug soll neue Infrastruktur für die Produzenten gebaut werden, besonders profitieren sollen voraussichtlich die Kolonien.

Auf Greenearth ging heute das größte Musikfestival Greenearth, das "Soundfest", zu Ende. Zur Abschlussveranstaltung reiste sogar der Präsident und beendete zusammen mit Hunderten von Musikern das Festival mit der Nationalhymne.

Heute beginnt in Greenearths Hauptstadt Amity der Wahlkampf der Demokartischen Partei Humanation, ab 19 Uhr werden wir live davon berichten.

Auf Newland in Perlse kam es zu einem tragischen Unfall, als ein Fehler an den Leitungen eine Metro zum Entgleisen bracht 10 Menschen starben, 40 weitere sind verletzt.

Auf Ying in Anpin wurde heute ein Erfolg bei der Terrorbekämpfung verbucht. Eine über hundert Radikale starke Gruppe konnte zerschlagen werden. Es wurden Hinweise auf einen Zusammenhang mit anderen Syndikaten gefunden, die mit dem Terroristen Tailor und dem Terroristenführer unter dem Pseudonym "der Professor" in Beziehung standen. Experte halten eine Steuerung durch den Cyclan nicht für ausgeschlossen. Es wird inzwischen vermutet, dass "der Professor" aus Spektrum heraus agiert.

Auf Labro kann für das vergangene Jahr eine Rekordproduktion gemeldet werden. Künftige Investitionen in neue Anlagen versprechen auch für das nächste Jahr ein Wirtschaftswachstum für Humanation.

Das waren die Kurznachrichten. Ihnen einen schönen Tag."


Durch den Lautsprecher über Riano dröhnte: "Fertig machen zum Überlichtsprung in 5...4...3...2...1" Riano konnte einen Blick von dem Trümmermeer wenden schon seit mehr als einer Viertelstunde starrte er auf die Trümmer. Ming saß unter dem Fenster zusammen gekauert. Hikari hatte keine Wahl gehabt der Frieden hätte sie sofort getötet, wenn sie an Bord gekommen wäre. Das war nicht fair, wehrte sich Mings Inneres wütend gegen die Realität. Endlose Dunkelheit umschloss sie. Vor Rianos Augen verschwand die treibenden Trümmer und das Omega-system als sei es nur ein Traum gewesen. Sie tauchten etwas später am Rand des Mothsystems wieder auf. Nur der endlose Sternenhimmel schien durch die Luke und glitzerte in Rianos Augen.

Mit einem leisen Zischen öffnete sich die Stahltür zu ihrer Rechten. Ein junger Kadett mit rotbraunen Haaren trat ein und wand sich an sie: "Der Fregattenadmiral wünscht sie zu sehen, wenn sie mir folgen würden."

Er ging voran in einen hellen, weiß strahlenden Korridor, deren abgerundete Metallwände das Licht widerspiegelten, das aus einer Linie Lichter an der Decke hinabgestrahlt wurde. Der Gang war belebt von Friedenswachen in graublauen Uniformen die Riano, Ming und dem Kadett kaum Aufmerksamkeit schenkten. Ming hatte bald die Orientierung verloren in der Länge des Gängesystems. Schließlich blieb der Kadett wieder vor einer Schleusentür stehen. Er öffnete sie mit einem Handdruck gegen die Tafel in der Türmitte. Vor ihnen lag die Brücke. Durch eine halbkreisförmige Fensterfront, die schräg über ihnen stand, blickten sie auf Humat, der als winzige Scheibe vor ihnen leuchtete, und seine vier Monde das Licht des G2 Stern reflektierend. In der hinteren Hälfte an der Wand und zwei Reihen Schalttafeln saßen etwa 40 Leute einzig um das Schiff am Laufen zu halten. In der Mitte der Fensterfront stand, in einer weißen Uniform mit blaugrauem Überlapp in der Mitte und Streifen die Arme hinab und um die Hüfte, der Fregattenadmiral und blickte auf Humat. Der Kadett räusperte sich und erklärte: "Fregattenadmiral Frez. Die Befreiten sind eingetroffen."

Der Fregattenadmiral drehte sich ihnen zu und musterte mit zusammengekniffen tiefschwarzen Augen die beiden. Er strich sich über seine schneeweißen Haare, gleichwohl er kaum älter als 40 zu sein schien. Er stemmte die Arme in die Hüfte: "Oberleutnant, Riano von der K 7 alpha?"

Riano nahm Haltung an und antwortete: "Jawohl!"

Der Fregattenadmiral kam näher und erkundigte sich: "Meines Wissens wurde die K 7 alpha verstört. Bericht."

Riano erklärte: "Vier Piraten M-Schiffe haben angegriffen. Die K 7 alpha wurde zerstört so wie zwei der Piratenschiffe. Meine Gefechtsstation wurde zerstört und ich aus dem All aufgefischt..."

Der Fregattenadmiral bedeutete ihm mit einer Handbewegung zu schweigen. Er wand sich an Ming, die ihn skeptisch betrachtete: "Wie lautet Ihr Name?"

Ming antwortete mit selbstbewusstem Blick: "Ming Guang. Professorin der Anpin Universität."

Der Fregattenadmiral hob eine Augenbraue: "Wie gelangten Sie auf das Piratenschiff, Ming Guang."

Ming antwortete: "Ich wurde auf meiner Forschungsreise entführt."

Er blickte wieder Riano an: "Melden Sie sich auf der Krankenstation, Sie bekommen ein Gästequatier, Zimmer 4-2-11"

Riano nickte, deute eine Verbeugung an: "Danke, Fregattenadmiral!", salutierte und verließ mit Ming die Brücke. Ming beeilte sich hinterher zu kommen, während sie die Abzweigungen entlang starrte und versuchte zu verstehen wie man sich hier zurecht finden konnte. Schließlich erreichten sie die Krankenstation. Ming scherzte: "Wird aber auch mal Zeit, dass du eine Krankenstation siehst."

Riano schenkte ihr ein müdes Lächeln: "Ich kann dich leider nicht hören."

Eine Ärztin mit streng zurückgebunden blonden Haaren erwartete sie bereits: "Oberleutnant Riano, Professor Ming Guang! Nehmen Sie auf diesen Betten Platz!"

Ming blickte den Raum entlang. In der Reihe aus 20 Betten war kein einziges belegt. Der Raum glich einer Art Schlauch mit grünlichen milchigen Stahlwänden. Ming und Riano ließen sich untersuchen. Mit Ming war sie Ärztin schnell fertig und wand sich Riano zu, dessen gerissenes Trommelfell sie zu behandeln hatte. Ming ließ sich derweil auf das Bett fallen und starrte an die Decke. So viel war in den letzten paar Tagen passiert. Bilder erschienen vor ihrem inneren Auge. Sie war mehrfach dem Tode nahe gewesen, hatte atemberaubende Entdeckungen auf Goon gemacht, eine Freundin gefunden und sie verloren. Sie zwang sich mit großer Mühe nicht zu weinen, wenn sie daran dachte. Vor ein paar Tagen hätte sie noch selbst Hikari nichts als den Tod gewünscht, doch jetzt wollte sie nicht daran denken, dass sie tot sein konnte. Sie hatte sich so grundsätzlich so lange in ihrem Urteil über Cymale geirrt und es tat ihr jetzt leid. Wie es Riano wohl damit ging?

Die Ärtzin wurde fertig und wand sich wieder an beide: "So die Schäden sind behoben. Embolien sind auch keine sichtbar, aber sie beide haben ein niedriges Purein-level. Sie scheinen seit einer ganzen Weile nichts mehr gegessen zu haben. Das sollte sich jedoch schnell über natürliche Nahrungsaufnahme regeln. Die Kantine befindet sich in Level 2 Sektor 4."

Sie deutete eine Verbeugung an und Riano und Ming standen dankend auf und gingen. Riano führte Ming die Gänge entlang eine Leiter hinab in ein tieferes Level weiter und weiter durch das Schiff. Währenddessen fragte Riano beunruhigt: "Was bedeutet es, wenn das Purein-level zu niedrig ist?"

Ming erklärte: "Purein ist ein Enzym, das bei Erwachsenen über die Nahrung aufgenommen wird. Es unterstützt die Kontrolle über das Großhirn und fördert klare Denkstrukturen. Kleine Kinder können es nicht einlagern. Deshalb verhalten sie sich nicht so rational wie Erwachsene. Wie geht es deinem Ohr?"

Riano lächelte: "Ich habe dich noch nie so klar gehört." "Gut zu hören!" Derweil erreichten sie die Kantine.

In Regale waren Tablette geschoben, auf denen das Essen wartete. Daneben standen Regale für die leeren Tablette und Geschirr, das mit Klett am Tablett hing. Ming und Riano nahmen sich beide ein Tablett und setzten sich. Es gab einen warm, klebrigen, gelblichen Brei in einen großen, abgeschlossen Schale mit einer idealen Nährstoffzusammensetzung, und einen Becher mit Glibberpudding, der alle wichtigen wärmeempfindlichen Vitamine enthielt. Die vielleicht 50 Friedenswachen, die aßen, füllten den Raum kaum. Ming blickte angewidert auf ihr Essen.

Riano bemerkte ihren Blick: "Das Essen ist enorm gesund und höchst effizient zur Optimierung der Einstatzbereitschaft."

Ming seufzte: "Das heißt nicht, dass es schmeckt."

Riano hob eine Augenbraue: "Schmeckt? Wir sind auf einem Friedens-Flagschiff. Es geht um effiziente Arbeit nicht um Luxus."

Ming seufzte und begann widerwillig in ihrem Essen herumzustochern. Riano aß gehorsam, doch auch er konnte den innerlichen Wunsch nach Beerenkuchen kaum unterdrücken. Er murmelte: "Aber ein bisschen Recht hast du. Geschmack wäre sicher nicht zu viel verlangt."

Ming schüttelte kichernd den Kopf: "Ach, Oberleutnant. Höre ich da Kritik mit der Arbeitsweise des Friedens raus?"

Er blickte sie entsetzt an: "Nein! Der Frieden ist aber auch nicht da um Essen zu produzieren. Wir sind da um unter anderem dich zu verteidigen."

Ming blickte ihn mit gehoben Augenbrauen an: "Soso, ist er das?"

Riano nickte ernst.

Ming entgegnete: "Ich muss sagen, Hikari hat dabei einen besseren Job gemacht."

Sie seufzten beide tief und blickten sich traurig an.

Riano antwortete schließlich: "Du hast recht, ohne sie wären wir tot. Meinst du, sie kann irgendwie noch am Leben sein?"

Ming blickt mit Sorgenfalten auf: "Möglich ist alles, was nicht widerlegt wurde. Es ist nur unwahrscheinlich. Aber du solltest auch schon tot sein. Also wer weiß, vielleicht hatte sie ja auch Glück."

Tränen glänzten in Mings Augen. Riano schluckte: "Glück, also."

Da sie fertig waren, standen sie auf und brachten ihre Tablette zurück und verließen den Saal. Riano führt Ming in ihre Kabine. Die Kabine war etwa 3 mal 3 Meter groß und bestand aus nichts als einem Doppelstockbett und einem kleinen Tisch mit einem Stuhl und einer schwarzen Schrakwand zur einen Seite und einer Tür zum weißen Polymer Bad zur anderen Seite. Riano setzte sich auf den Stuhl am Tisch und blickte Ming an. Ming streckte sich und erklärte: "Ich geh mal duschen." und verschwand im Bad. Riano dachte an Hikari, er sah ihr Bild vor sich, doch irgendwie entglitt etwas aus seinen Erinnerungen. Er bemühte sich, sich besser zu erinnern. Er sah jeden Fleck auf ihrer Haut vor sich, jeden Muskel, den sie bewegt hatte. Ihr Bild war Detailgetreu und doch fehlte etwas. Er presste seine Hände gegen den Kopf. Er sah ihr Auge vor sich ihre Mimik und erinnerte sich an jede feine Bewegung ihrer Mundwinkel, jedes Zucken ihrer Augenbrauen, an jede Falte, die er an ihrer Hand gefühlt hatte, doch wo war die Wärme hin, die ihn durchströmt hatte, was sagte ihr Gesicht, er konnte es nicht mehr ergreifen. Es bewegte ihn nicht mehr, er fühlt nicht diese scheinbar elektrische Spannung, wenn er sie betrachtet hatte. Vielleicht war alles nur ein eigenartiger Traum gewesen. Er konnte es sich nicht erklären und er verstand gerade nicht, warum es ihn nicht mehr beklommen machte, ihr Bild verloren zu haben. Er wollte, dass es ihn irgendwie berührte, doch er fühlt nichts, wenn er an sie dachte. Er fühlte nichts, begriff er. Er empfand nichts als unerschütterliche Ruhe und fragte sich, was es für einen Unterschied machte zu leben.


Ming stand in der Dusche und starrte gegen die Wand, während das Wasser auf sie einprasselte. Ihre Gedanken kreisten um das, was passiert war, um Goon, Hikari, Riano und die Piraten. Das war alles nicht wie geplant gelaufen. Wie sollte es jetzt weitergehen? Sie sollte nichts von all dem erzählen. Innerlich fluchte sie, dass sie alle Ergebnisse verloren hatte, und stellt bitter schluckend fest, dass sie vor allem Hikari verloren hatte. Sie würde nicht nur die Arbeit zu Goon nie fortsetzen können, nein sie hatte auch einen Menschen mit ihrer Neugier höchstwahrscheinlich in den Tod getrieben. Sie fühlte sich furchtbar. Zumindest hatte sie noch Riano, auch wenn er in einem anderen Kontext nicht die Gesellschaft ihrer Wahl gewesen wäre, war sie unglaublich froh ihre Geschichte, ihr Geheimnis zumindest mit ihm teilen zu können. Sie dachte an Hikari und es wollte nicht in ihren Kopf, das sie nicht mehr existieren sollte. Das war alles ein schlechter Traum. Sie drehte das Wasser ab, ging aus der Dusche und nahm ihr Handtuch. Sie band es sich um und kam aus dem Bad. Riano blickte von dem Tisch auf und fragte: "War das alles real?"

Ming seufzte: "Es wäre besser wenn nicht." Sie ging zum Schrank und zog sich einen Schlafanzug an: "Wir haben noch genug Zeit zum Grübeln. Wir sollten erstmal schlafen."

Sie kletterte auf das obere Bett und rollte sich in den Schlafsack. Riano stand auf, dämmte das Licht und wünschte einen erholsamen Schlaf und ging ins Bad. Er blickte auf sein Spiegelbild. Es ermangelte ihm an der Fähigkeit zu fühlen. Irgendetwas hatte schon solange er sich erinnern konnte seine Gefühle unterdrückt und dann nach Tagen gestrandet im All und seltsamen Essen hatte er fühlen können. Doch nun kaum war er zurück hier, schwand seine Empathie dahin. Irgendetwas war hier anderes. Irgendetwas beeinflusste ihn. Eine Theorie, die ihm vollkommen absurd und verschwörerisch erschien, wuchs in ihm. Sie war es wert getestet zu werden. Er steckte seinen Finger gegen seinen Gaumen und sofort überkam ihn der Brechreiz und er kniete sich neben die Kloschüssel und erbrach alles, was er gerade gegessen hatte. Er wischte sich den Mund ab und stand schwankend auf und ging unter die Dusche. Gegen die Wand gelehnt mit geschlossenen Augen ließ der das Wasser um sich fließen. Er rückte in einen Strahl, öffnete den Mund und trank.


Loflain zerstocherte immer noch lustlos ihr Mensaessen und schob es zuletzt zur Seite. Barnett bemerkte: "Es ist kein Wunder, dass du so mager bist, wenn du die angepassten Speisen verweigerst." und schob sich mit einem befriedigten Gesichtsausdruck das letzte Stück ihres wohlkontrollierten, synthetischen, mit wichtigen Spurenstoffen und Vitaminen versetzten Schnitzels in den Mund.

"Ich würde lieber selbst entscheiden, womit ich mein Essen versetze, denn dieser Fraß könnte auch aus angemaltem Plastik bestehen und jedenfalls hat es soviel Geschmack", entgegnete Loflain missgelaunt durch den Hunger.

Barnett erwiderte: "Hierbei handelte es sich nicht um Plastik, sondern um kontrolliert produzierte Nahrung, die extra der menschlichen Physis angepasst wurde und keine billige Rohkost. Man sollte den Fortschritt nicht mit Füßen treten."

Loflain seufzten nur entnervt. Barnett blickt auf die Zeitanzeige am Ende der Mensa: "Was hast du jetzt?"

Loflain erklärte: "Frei, aber ich muss noch mal zu Professor Yontan wegen des Assistenzjobs."

Barnett bemerkte: "Also wenn du mich fragst, hast du eine so langweilige Arbeit gar nicht nötig, dafür gibt es andere Arbeitsgruppen. Was machst du da überhaupt?"

"Quelle katalogisieren." antwortete Loflain knapp. Sie stand auf und nahm ihr volles Tablet, "Bis zum Mikrobensyntheseseminar!" und ging.

Yonatan blickte aus seinem Bürofenster in den Innenhof und die gegenüberliegende Fensterfront, in der sich die Dämmerung spiegelte. Auf seinem Tisch lag gezeichnet auf einen Stapel Zettel seine Vorbereitung für die nächste Vorlesung. Seine Gedanken umkreisten Tailor. Seit Tagen lag Tailor inzwischen bei ihm. Bis jetzt sah seine Entwicklung nicht schlecht aus. Loflain hatte ihn nicht nur das Leben gerettet, sondern ihn auf die Beine gebracht. Aber was wenn Tailor noch einmal etwas passierte, wenn sie ihn jetzt fassten, wenn sie jetzt gerade bei ihm zuhause waren? Tailor war nur einer eines großen Widerstands, aber er war ein Verknüpfungspunkt zwischen vielen, die Koordination. Konnte er ersetzbar sein? Als Freund sowieso nicht! Wenn Tailor etwas zustoßen sollte, dann musste er, Yonatan, seine Aufgaben übernehmen. Er hatte ihn in diese Position gebracht, ihn aufgeklärt über die Welt und er war mit verantwortlich, auch wenn er geglaubt, vielleicht gehofft hatte, das sei vorbei. Er hatte sich in den letzten Jahren zurückgezogen, versucht eine unauffällige Existenz zu führen, sich aus der größeren Organisation rauszuhalten, da schon jetzt eine Gestalt namens "Der Professor" ganz weit oben auf der Fahndungsliste stand, und gruselige Mythen über ihn als der Anführer, Diktator des Widerstands erfunden wurden. Das war kein Kampf, den er alleine gegen alle zu führen hatte, aber gerade in dieser Situation erkannte er, er wurde immer noch gebraucht, vielleicht sogar mehr als ihm lieb war. Aber es war ein Fehler die Bürden, die unter Aufbietung seines Lebens auf Tailors Schultern alleine lasten, ihm zu lassen. Yonatan war der sichere Hafen für Freidenker aller Art. Aber er schuldete Tailor mehr.

Es klopfte. Er seufzend dreht sich um und rief: "Herein!" Loflain trat ein. "Professor, ich wollte noch weitere Quellenanalysen vornehmen, bezüglich des... des ersten Waffengesetzes der Kolonien." erklärte sie und legte ihre Hand auf die linke Seite.

Der Professor nickte nur: "Komm mit!"

Sie gingen hinüber zu seiner Wohnung. Der Professor schloss die Tür hinter ihr.

"Willkommen ihr beide!", rief schon eine Stimme aus dem Wohnzimmer. Loflain ging schon vor zu dem Sofa, auf dem in einer karierten Webdecke eingerollt Tailor lag, Plasmalösungen an einem Garderobenständer gehängt.

"Tag, Patient! Von dem Fakt, dass du wieder bei bewusst sein bist, zu schließen machst du Fortschritte."

Während der Professor Tee kochte, untersuchte Loflain ihn, wechselte die Verbände und überprüfte die Schmerzmittellösung. Schließlich setzte sie sich auf den roten Sessel: "Du befindest dich auf dem Weg der Besserung, die Zellimplantate haben die Wunde erfolgreich versiegelt und deine Blutmenge ist wieder im unkritischen Bereich. Du solltest aber noch 2 Wochen ausruhen."

Yonatan kam mit Tee, stellte ihn auf dem kleinen Tisch und nahm noch einen Stuhl um sie zu ihnen zu setzen: "Das ist erfreulich zu hören."

Tailor nickte: "Danke für deine Mühe, Ich hoffe, du hast das restliche Zellmaterial vernichtet."

"Selbstverständlich!"

Tailor grinste: "Sehr gut! Es zeigt viel von einer systemfeindlichen Menschlichkeit zu helfen. Du hast Mut."

Loflain blickte ihn streng an: "Ich bin nicht systemfeindlich ich will nichts davon wissen. Es ist selbstverständlich zu helfen aus Menschlichkeit ohne Bewertung der Person. Ich werde dich achten und schützen aus derselben Menschenwürde, die alle teilen. Aber von dem Widerstand und den Terror will ich nichts wissen."

Tailor nahm seine Tasse mit blassen Händen: "Ist ja gut! Ich habe nicht vor dich in Gefahr zu bringen, nicht durch Wissen noch sonst irgendwie, auch wenn dich als Wissenschaftler etwas an dem Satz stören sollte. Vielleicht solltest du zu deinem Schutz erst mal Abstand nehmen. Du weißt bis jetzt nicht mal, wer ich bin. Aber eines Tages wirst du es wissen und ich hoffe, du denkst dann nicht schlecht von mir."

Loflain nickte.

Yonatan nippt an seiner Tasse und bemerkte: "Loflain, ich bin dir etwas schuldig. Wenn ich dir irgendwann mal helfen kann, lass es mich wissen."


Longfeng erwachte und blickte auf die verkratze, kleine Uhr, deren dritte Anzeigezeile nicht vermochte den mittleren Strich zu zeigen. Es war viel zu früh zum Aufstehen. Er blickt auf die 6 Quadratmeter große graue Betondecke, an dessen Stahlbalken Sirili sich eine Kokonnetz gebaut hatte. Sein Magen knurrte. Er stand auf und schlüpfte in die abgewetzten, rotkarierten Pantoffeln. Er hasste den Fraß, den die Arbeiter bekamen. Er schlurfte in die Küche, in die sechs Türen führte, die Wohnungstür die Türen seiner 3 Kollegen und die Badtür. Er schlurfte zum Kühlschrank und holte aus einer Papppackung mit der Aufschrift Syntiproti auf der auf einem grell roten Karton ein Teller mit einem gelblichen Brei mit dem Vermerk: abgebildet war, eine Dose von Loflains Früchten. Er stellte sie auf den Tisch und schloss die Kühlschranktür. In diesem Moment öffnete sich die Haustür. Longfeng erstarrte und starrte zur Tür. Der Schlüssel fiel auf dem Boden. Genauso verstört und ertappt starrte der Reingekommene Longfeng an. Es war sein Mitbewohner Izenal. Er hob den Schlüssel auf und erklärte: "Ich... ich braucht nur gerade frische Luft."

Longfeng erklärte: "Ich hatte noch Hunger... auf Syntiproti. Guten Schlaf, Izenal."

"Ja, schlaf gut!", erwiderte Izenal und schlich an Longfeng vorbei in sein Zimmer. Longfeng atmete durch, hob die Arme, hinter denen er die Dose versteckt hatte, und begann zu essen. Das Essen war nicht verboten, aber die öffentliche Meinung war, dass nur rückständige Radikale, Nährstoff in nicht optimierte Form konsumieren würden.


Im Konferenzsaal am schwarzen Tisch saß Gouverneur Rolco mit noch zwei anderen Gouverneuren, der nächsten Stadt Taian und Deguang über den anderen der 16 Plätze waren Holograme der anderen Gouverneure zu sehen. Rolco berichtete gerade von dem Einsatz gegen die Piraten: "Mit Hilfe der F-8-beta ist es gelungen einen K-Klasse Schlachtkreuzer der Piraten zu vernichten. Die F-8-beta würde allerdings für Wartung in den nächsten Wochen in Moth sein. Stattdessen werden ein G-9 und ein M-7 Kreuzer zur Verstärkung ins System kommen."

Die anderen Gouverneure folgte seinen Ausführungen, mit Ernüchterung, da das immer noch ein Abziehen von Kräften bedeutete. Rolco setzte fort: "Des Weiteren kam Befehl aus Moth, den inneren Frieden zu stärken und mehr Kapazitäten in Personal zu stecken. Außerdem sollen Spezialeinheiten aus dem Mothsystem die Investigativressortes unterstützen. Sie werden innerhalb der nächsten Woche aus Moth kommen. Es wird erwartet, dass sie eine zufriedenstellende Ausrüstung und Behausung vorfinden um ihre Arbeit durchzuführen. Details zu den Einheiten entnehmen sie für ihre Stadt dem Verfügungstext."

Ein Dokument erschien in der Mitte des Tisches für alle sichtbar. Rolco schloss: "Irgendwelche Fragen zu der neuen Anweisung?"

Einer den holoprojezierten Gouverneure schaltete sich ein: "Gibt es Erkenntnisse, wie groß die Truppenstärke der Piraten momentan ist?"

Rolco antwortete: "Schwer zu sagen zwischen 100 und 400 Schiffen hauptsächlich M und kleiner. Also etwa 15000 Individuen."

Ein älterer Gouverneur aus Taian fragte: "Ist es korrekt, dass in Anpin zuletzt eine Widerstandszelle von über hundert Individuen aufgelöst wurde? Konnten aus den Verhören Erkenntnisse gewonnen werden?"

Rolco erklärte: "Es ist korrekt, dass sie ausgelöscht wurden. Allerdings konnten kaum Gefangene gemacht werden. Die meisten waren schon tot oder haben den Freitod gewählt, ehe wir sie ergreifen konnten. Es konnten auch keine extern, gespeicherten Daten gefunden werden. Das Umfeld wird überprüft, aber es scheint wenig erfolgsversprechend. Alles was wir gehört haben bis jetzt sind Information, die wir schon wussten. Das halbe Dutzen Gefangene, das wir haben, gibt zu mit dem Terrorist Tailor zusammen zu arbeiten und einige haben als eine Art Drohnung auf diese Gestalt referenziert. Ich halte es für gut möglich, dass er nicht mal existiert. Aber sie scheinen soweit keine Kenntnis über seine Identität zu haben. Sollten Verhöre etwas ergeben, werden sie natürlich informiert."

Ein junger Gouverneur fluchte: "Dieses dreckige Pack, es muss doch möglich sein, ihre Befehlsgewalt zu infiltrieren bis hoch zum Professor, statt immer nur einzelne zu fassen, irgendwelche kleinen Fische, die sich lieber umbringen als zu reden und wenn dann auch nichts zu sagen haben."

Rolco entgegnete: "Wir haben es hier mit keiner Armee zu tun. Vermutlich besitzt diese Gruppe keine Struktur, die mit unserer vergleichbar wäre. Nach der Summation aller Erkenntnisse ist das zumindest unwahrscheinlich."

Der junge Gouverneur blickte ihn verständnislos an.


Ein dröhnendes pfeifendes Signal ertönte. Eine Truppe der in weiße Overalls gekleideten Feinmechaniker mit Mungschutz betrat die Werkhalle zur punktuellen Dotierung von Mikrohalbleiterkomponenten. Die Werkhalle in dem Teil in den diese Truppe zog war ein steriler weißer 20m langer und 4 Meter breiter Schlauchraum, durch den sein Produktionsweg führte. 10 Dotierapperate, die als große Elektronikklötze mit Lasern und Feinwerkarmen ausgestattet waren. Standen an unterschiedlichen Stationen. Das ständige Saugen der Luftreinigung dröhnte durch den Raum.

Longfeng trottete in ihrem Zug zu seinem Arbeitsplatz und begann die Analysemaschine zur Positionsbestimmung hochzufahren. Er war für Germaniumdotierung zuständig. Das Muster des aktuellen Auftrags wurde geladen. Sein Kollege Allen, der mit der Aluminium Dotierung beschäftigt war und die an manchen Tagen nervenraubende Eigenschaft besaß ununterbrochen Konversationen führen zu wollen, fragte Longfeng -einen der wenigen, die das noch mitmachten- : "Hast du von der Hopro-Fabrik gehört?"

Longfeng beschäftigt mit der Positionskalibrierung der Siliziumatome in dem Bauteile, antwortete: "Nein."

Allen erzählte: "Es soll eine gesellschaftsfeindliche Zelle gefunden worden sein. Sie sollten festgenommen werden, da kam es zur Schießerei. Eine Friedenswache wurde getötet, fünf verletzt. Es muss schon eine enorme Unvernunft und Menschenfeindlichkeit sein, die jemand dazubringt auf den Frieden zu schießen."

Longfeng nickte. Allen fuhr fort: "Stell dir vor es gäbe solche Terroristen in unserer Firma. Gruselig, nech?"

Longfeng nickte wieder. Allen erklärte: "Das ist eine Gefahr für uns alle. Der Frieden muss endlich endgültig durchgreifen. Die Zeit für Gnade ist ein für alle Mal vorbei. Terroristen müssen mit allen Mitteln bekämpft werden, für die Sicherheit und Freiheit aller."

Longfeng nickte abwesend, während er in seinem Kopf hin und herschob was Izenal in der Schlafenszeit getan haben könnte und wie er ihn auf den rechten Pfad zurück führen konnte ohne Aufsehen zu erregen oder ihn in Gefahr zu bringen.

Allen seufzte: "Gut zu wissen, dass es den Frieden gibt, das es noch tapfere Männer und Frauen gibt, die auf uns aufpassen."

Longfeng blickte auf: "Recht hast du, aber wir sollten auch auf uns aufpassen."

Allen nickte bedeutend, holte Luft für eine Sekunde und begann über die Verbesserung des Nahrungsmittelangebots zu sprechen.


Tailor schlung sich tiefer in die karierte Decke und trank einen Schluck Tee. Er tippte auf die Projektion seines Laphopro und öffnete den Kommunikationskanal in den Weltraum. "Mein werter Freund," oder war ein Schimpfwort für ein perverves Gefühl und jemand mangelnde Selbstkontrolle über seine Triebe in Humanation, nicht für Tailor allerdings. Aber wenn die Kommunikation abgefangen wurde, wollte er sie nicht auf den ersten Blick verdächtig wirken lassen. "Meine Arbeit wurde gestört. Ich werde mich für einige Tage von meiner Aufgabe zurückziehen müssen in meiner Verfassung. Ich habe etwas von einem Unfall gehört. Wie geht es euch? Hoffe auf deinen Kontakt. Fairy Tale."

Er schloss die Augen und wartete voll qualvoller Spannung. Reff und er waren schon lange befreundet, schon seit ihrer Schulzeit auf Ying. Sie hatten gemeinsam eine große Zahl an Widerstandszellen gegründet, bis Reff sich weiter radikalisiert hatte, seine Deckung als Kaptain in der Handelsflotte aufgegeben hatte und Pirat geworden war. Die Nachricht über die Zerstörung des wie Reff seinen Kreuzer liebvoll genannt hatte, beunruhigte Tailor ungemein. Er wollte seinen Freund nicht verloren haben. Das durfte nicht sein!

Tailor legte beide Hände um die Teetasse und starrte in die flimmernde sich nicht veränderte Projektion. Langsam aber unaufhaltsam tickte die Zeitanzeige an der unteren Ecke des Bildschirms weiter. Bald wartete er schon 20 Minuten. 21 Minuten die Ziffer änderte sich. Stille umfing Tailor, eine geladene Ruhe. 22 Minuten... Er blickte sich im Raum um und las jeden einzelnen Buchrücken um sich vom Warten abzulenken. In Tailors Kopf dominierte Reff alle Gedanken. Er erinnerte sich. Wie sie in den Schule gesessen hatten und wieder mal für ihre Disziplinlosigkeit von Lehrer und Mitschülern abgekreidet worden waren und es ihnen egal gewesen war. Er hatte Klausuren für andere geschrieben, während seiner Klausur, das er immer schlauer gewesen war als der Durchschnitt und eine Menge Zeit übrig hatte um sie besser zu machen. Denn sie hatten dieses egozentrische Leistungsprinzip schon immer gehasst, das die Kinder spaltete, zu Konkurrenten und Feinden machte und einigen von ihnen niemals eine Chance gab. Bei ihnen waren auch immer Felina und Zhongli gewesen. Sie waren nach der Schule getrennt worden. Zhongli war ein Vorarbeiter geworden, Felina Sekretärin, Reff Frachtpilot und er studierte. Zhongli war inzwischen nach Yang gegangen und Felina war schon nicht mehr da. Sie hatte eine Widerstandsgruppe in ihrer Firma gegründet und war verraten worden. Reff und Tailor hatten damals noch versucht ihr zu helfen, aber es war zuspät gewesen. Sie war erschossen worden. Ihre Widerstandszelle aber konnte nicht vernichte werden. Sie war nur gewachsen. Tailor erinnert sich genau wie sie in der Lagerhalle versteckt gestanden waren auf der Flucht und Felina hatte sie beide angeblickt und erklärt: "Es ist aus! Sie suchen nicht euch! Verschwindet!"

Reff hatte ihren Arm gepackt und geantwortet: "Niemals!"

Leise Bewegungen in der Halle waren bemerkbar geworden. Sie hatte nur geknurrt: "Narr!" Lichter streifen in einer Entfernung suchend an den Wänden entlang. Plötzlich hatte sie blitzschnell ihr Messer gezogen und Reff über die Stirn geschnitten, sodass er sie los gelassen hatten, und war zwischen den Kisten in die Richtung der Lichter verschwunden." Tailor hatte Reff und sich in ein Versteck gedrückt. Schüsse waren gefallen, weiter und weiter weg von ihnen. Wenige Minuten später war der Lärm verschallt und Tailor hatte seinen geblendeten Freund durch den Hinterausgang entkommen können. Doch Felina hatten sie nie wieder gesehen. Kaum jemand war so geschickt und schnell gewesen wie sie, doch sie hatte nicht entkommen können. 57 Minuten hatte Tailor in Erinnerung versunken verbracht. Er richtete sich auf: "Einkommendes Signal." Er starrte erleichtert auf die Holoprojektion. Eine Nachricht sprang auf: "Ich hoffe es geht dir gut. Muss ich mir Sorgen machen? F-sterne sich numal heller als kleine rote Sternchen. Aber keine Sorge den meistens geht es gut und wir haben noch eine Überraschung geplant. Aber das hat noch Zeit. Ich bin etwas abseits deshalb der lange Funkweg. Wir werden uns bald sehen. Dein Karef."

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