Humanation

2. Kapitel: Studentin

Ein junger Major eilte in einem sich überschlagenden Marschierschritt den Betonflur entlang vorbei an den in Glas und Stahl gerahmten Portraitfotos der Gouverneure der 16 Städte Yings und 6 Städte Yangs. Verkrampft hielt er ein Datengerät in den Händen. Er klopfte an die große glatte Stahltür zu dem Konferenzzimmer und schlüpfte leise durch einen Türspalt herein zu der Konferenz der Stadtgouverneure, die gerade bei dem Bericht über die Produktivität der neusten Stadt Huali angekommen waren. Zielstrebig und leise schlich er an dem schwarzen runden Tisch mit dem gigantischen rotierenden Hologram der Produktionsanteile darüber, auf den Gouverneur von Anpin zu.

Der kleine etwa 60 Jahre alte Mann mit der faltigen Stirn saß an der Tür zugewandt Seite des Tisches und hatte mit dem Heben einer Augenbraue bereits das Eintreten des Majors bemerkt. Vorsichtig bückte sich der Major herab und flüsterte Rolco etwas ins Ohr. Woraufhin er ihm das Datengerät abnahm und die Informationen überflog. Der Gouverneur von Hauli beendete seinen Vortrag. Rolco als Gouverneur der größten Stadt der Leiter der Konferenz räusperte sich: "Es scheint als müssten wir unsere Konferenz noch um einen Tagesordnungspunkt erweitern. Ich werde interstellare Verteidigung nun zwischenschieben. Die Piraten haben wieder zugeschlagen ein ganzer K-Kreuzer wurde zerstört, die K-7-alpha. Überlebende scheinbar keine. Das ist ein harter Schlag. Außerdem wurden in der Gegend um Beta Piratenaktivitäten gemeldet. Wir, die Kolonien, sollten dringend eine Verstärkung der interstellaren Streitkräfte fordern." Er schloss das Datenpad an um die Information für die anderen Gouverneure sichtbar zu machen.

Gouverneur Rolco war schon mit 20 Jahren einer der fähigsten Leutnants gewesen und darum mit der Sicherung der ersten Koloniestadt auf Ying Anpin beauftragt worden um danach möglichst eines der höheren Ämter auf Greenearth als Admiral auszuführen, hätte seine Karriere nicht einen unschönen Knick gemacht, der ihn verdonnert hatte um seine Ehre zu wahren für den Rest seines Lebens auf den Kolonien zu bleiben. Denn er hatte ein Kind bekommen, ein unvollkommenes Kind durch Geschlechtsverkehr mit einer Kadettin seines Teams. Sie hatte die Schwangerschaft verborgen bis zur Geburt. Und auch nachdem er die Kadettin daraufhin in eine andere Einheit versetzt hatte und jeden Kontakt zu ihr abgebrochen hatte, hatte er es doch nicht fertig gebracht sich des unvollkommenen Wesens, seiner Tochter, zu entledigen. Solch ein Fehler wurde nur auf den Kolonien geduldet, die Kinder auf Paradis, Greenearth und Newland wurden aus genetischem Material möglichst ideal gekreuzt und herangezüchtet in sogenannten Geburtshäusern, so das auch die Population der Monde präzise gesteuert werden konnten. Jegliche perverse, sexuelle Handlungen standen in Moth unter Strafe. Rolco war also gezwungen zu bleiben, wo sein Fehler geduldet wurde und konnte dafür seine Tochter heranziehen. Allerdings war seine Tochter inzwischen selbst bereit 22 Jahre alt und studierte an der Anpin Universität.

Loflain war ihr Name.

Loflain kaute in der Betrachtung eines alten Herren, der mit altertümlichen Mitteln Schrift auf eine schwarze Schiefertafel zog, auf dem Ende des kleinen silbernen Stabs, den sie zur Eingabe in ihr Pad nutzte, herum. In stark gedämpfter Lautstärke zischte das braunhaarig gelockte Mädchen neben ihr: "Ineffizient. Auch er sollte sich der Zeit angemessenen Mitteln bedienen." Das war Barnett seine Kommilitonin von Loflain, mit der sie die meiste Zeit verbrachte.

Loflain strich ihre langen schwarzen Haare zurück und flüsterte, während sie den geschichtlichen Verlauf der Kolonisierung abschrieb: "Es ist schließlich der Geschichtskurs."

Barnett schnauft daraufhin nur verächtlich und murmelte: "Es ist ja nicht so, als ob er nicht einfach den Holoprojektor nutzen könnte und auf dem Pad am Pult schreiben könnte ohne sich bei jedem Buchstaben den Arm auszurenken."

Loflain achtete kaum auf ihre Worte und blickte die spärlich gefüllten Bankreihen hinab zu den alten, halbglatzigen Professor Yonatan. Gut 300 Studenten hätte der rechtwinklige Hörsaal gepasst um die Tafel, die in einem provisorischen, schiebbaren Holzgerüst gefasst war, um die sich in aufsteigenden Kreisen Bänke ordneten. Jedoch waren kaum mehr als 50 Studenten zu sehen. Einige der Studenten waren eingenartige Gestalten, Arbeiter, Künstler und Architekten, ja sogar Farmer saßen unter ihnen und nicht wie gewöhnlich die uniforme, aufstrebende Führungselite. Barnett blickte voller Missgunst auf sie hinab. Schließlich kostete ihr hier sein der Kolonie Arbeitskraft, vermutlich zahlten sie dafür teilweise nicht einmal hier mitzuhören. Sie hatte sich hochgearbeitet. Schon mit 12 Jahren war sie die Klassenbeste gewesen und hatte sich früh eingebracht und bereits an bedeutenden Biologischen Erforschung Yings vor allem der Furia mitgearbeitet und damit nicht zuletzt zu der Befreiung Yangs von der Furianischen Plage beigetragen, darum war sie für zahlreiche Stipendien gewählt worden. Loflains Toleranz für diese Menschen erschien ihr zutiefst unangebracht. Loflain war, auch wenn eine aufstrebende Molekular- und Nanobiologin, menschlich zurück und darum verstand Barnett es als ihre Pflicht ein Auge auf sie zu haben um ihre Energie nicht in die falschen Dinge fließen zu lassen. Barnett konnte beim besten Willen nicht verstehen, was Loflain an dieser Vorlesung dieses Urzeitprofessors fand.

"Gibt es ein Problem Barnett?" rief die Stimme des Professors sie aus ihrem Murren und ließ sie erschrocken verstummen. Der Professor seufzte gutmütig: "Ich seh schon, ich seh schon. Die Schrift ist zu klein zu unleserlich und zu blass. Ich werde mir mehr Mühe geben. Auf jeden Fall ist die Vorlesung auch heute Abend noch online." Damit wandte er sich wieder der Tafel zu und schrieb in seiner ohnehin kunstvoll, sauberen Schrift weiter.

Die Vorlesung war ohnehin fast vorbei und es blieb Yonatan kaum noch etwas anderes zu tun als die Veranstaltung zu schließen. Loflain packte ihre Sachen eilig zusammen und lief die Treppe hinab, wurde aber bei jeder Stufe langsamer und verlegener und wäre rückwärts wieder aus dem Saal verschwunden, hätte der Professor sie nicht auf der viert letzten Stufe freundlich gefragt: "Loflain, was gibt's?"

Barnett wartete bereits ungeduldig oben an der Treppe.

Leise und schüchtern fragte Loflain: "Nun, also ich naja, ich habe mich gefragt, ob sie nicht noch eine Stelle für Assistenten frei hätten. Ich bewundere ihr Fach."

Der alte Professor rückte mit dem Zeigefinger seine Brillengläser zurück und lächelte wobei um seine blauen Augen Tausende Falten schlugen: "Nun nicht direkt, aber wenn du wirklich willst, dann lässt sich etwas arrangieren."

Verlegen trat Loflain auf der Stelle und fasste sich schließlich ein Herz: "Noch etwas, wissen sie etwas von Ming Guang? Wann wird sie zurück sein? Sie ist wirklich gut und die Vertretung nunja..."

Yonatan schmunzelte: "Ich weiß, eine Katastrophe. Dieser Jackett verpackte Schnösel. Ich weiß leider auch nichts Neues. Lass uns hoffen, dass sie bald wiederkommt."

Loflain lächelt: "Ja, vielen Dank, Herr Professor."

Yonatan ordnete seine Vorlesungsskizzenblätter in seiner Hand und blickt auf: "Ach, wegen der Arbeit. Hättest du morgen gegen die zehnte Stunde Zeit in mein Büro zu kommen? Ach und ist wirklich ausreichend, Respekt verdient man sich durch Ziele und Ideen und nicht durch Erfolge und Rang."

Loflain nickte: "Okay, dann bis morgen Professor Yonatan."

Sie wandte sich um und lief die Treppe hinauf zu Barnett.


Der Professor packte seine Zettel zusammen und schaltete das Licht aus und lief gemächlich die notbeleuchteten Stufen hinauf. Die Studenten waren alle gegangen.

"Abend Yonatan", grüßte eine Stimme neben der Tür. Ein Schatten war herein gehuscht, als er seine Tasche gepackt hatte, und erwartete ihn nun neben der Tür. Der Professor blieb stehen, blickte durch das Zwielicht in den Schatten, während er seine Brille zurückschob.

Er lächelte: "Guten Abend. Ich habe dich nicht so schnell zurück erwartet."

Der Schatten löste sich und kam dem Professor entgegen: "Ich wollte mal sehen, was du inzwischen hier so triebst und wie du es immer noch schaffst angepasst zu bleiben."

"Du bist früher zurück als geplant. Was ist geschehen?" fragte der Professor.

"Nun es ist ausgesprochen gut gelaufen", grinste der Schatten, "aber lass uns bei dir weiterreden."

Sie traten zusammen aus dem Vorlesungsaal. Der Professor verschloss die große Flügeltür. Der andere beobachtet den leeren, runden Korridor, von dem acht Stahltreppen zu den Ausgängen an allen vier Seiten über die Vorlesungssäale hinweg hinausführte. Durch die Rundfensterfront fiel die dumpfe Dunkelheit, der von der Stadt erstrahlten nächtlichen Wolken. Neben Ausgang führten zwei lange, gewunde Stahltreppen hinauf in die Büros der Institutsmitarbeiter. Der Professor wandte sich um und betrachtete den andern schmunzelnd im Neonlicht des Korridors. Das kämpferische Gesicht mit der krummen Nase und den tiefblickenden dunklen, blauen Augen wollte einfach nicht in den engen Hemdkragen und das Jackett passen, in dem sonst diese leeren, ausdruckslosen Geister zu sehen waren und der Professor fragte sich mit wievielen Mitteln er seine dunkelblonden Haare zu diesem glatt zurückgestrichen Helm gezähmt hatte. Der Professor ging voraus aus dem Institut und blickte über den Campus über dessen Beton und Glasklötze, die schwarzgrauen Wolken trieben. Sie liefen über die quadratischen Bodenplatten, in deren Ritzen Moose und Gräser wucherten ,hinüber zwischen dem ausgehöhlen, würfelförmigen Mathematikgebäude vorbei zu den flachen bunkerähnlichen Dozentenwohnungen, die sich vor ihnen aufreihten. Sie folgten der Reihe der immer gleichen Betonquader bis zur Nummer 72. Der Professor ging an den Irisscanner. Die schwere Stahltür öffnete sich. Dahinter wurde eine zweite Tür aus Holz mit Schnitzereien sichtbar, die sich einfach nicht in das Bild der Betonklotze einfassen wollte. Der Professor zog ein eigentümliches, antikes Öffnungsgerät, dass aus nichts weiter als einem Stahlstab mit verkantetem Ende bestand. Der junge Begleiter musterte das Objekt skeptisch aus dem Augenwinkel und suchte instinktiv nach einem nicht vorhandenen Knopf. Yonatan drehte den Schlüssel zweimal im Schloss und die Tür öffnete sich nach innen.

Die beiden traten in die einem Schriftmuseum gleichen Räume. Schon im Eingangsflur stand an der langen Wand Regal an Regal gefüllt mit Büchern. Unterbrochen wurde es nur von einem Spiegel mit Blumenranken verzierten Rahmen. Der Spiegel gegenüber führte eine Papierschiebetür mit einem Holzrahmen in eine geräumige Küche, die direkt durch einen hellen, marmoren Torbogen mit dem Wohnzimmer verbunden war. In dem Wohnzimmer, das an den Eingangsflur mit einer Holztür mit bunten Glasfenstern anschloss, bestanden alle Wände des 5 Meter hohen und runden Raumes aus gefüllten Bücherregalen nur unterbrochen von einem Kamin, um den ein roter glänzender Kunstledersessel und ein weiß-rosa gestreiftes Sofa mit Holzfüßen stand. In der Ecke zwischen Sessel und Sofa stand ein kleiner runder Glastisch, der neben einer Lampe mit einem geblümten Schirm und einer uralten Wolframglühbirne von Schriften und Papieren überfüllt war. Auf dem Sofa lag ein sorgfältiges besticktes Kissen, auf dem ein eigenartiges vierbeiniges, zweiäugiges Säugetier mit spitzen Ohren zu sehen war. An der Hinterseite vor der großen Fensterfront stand ein großer dunkler geschnitzter Holzschreibtisch, der kaum noch unter dem Stapel an Büchern zu sehen war. Von der Decke herab baumelten Modelle antiquierter Flugmaschinen und subsolarer Raketen. Die Mitte des Raumes füllte ein runder Marmortisch, um den fünf vollkommen verschiedene Stühle standen, ein einfacher Holzstuhl, ein stoffbezogener Klappstuhl mit weißem Lack, ein zum offenen S geschwungenes Metallgerüst mit Lederimitat als Sitzfläche, ein weiß lackierter Stuhl mit Füßen und rosa bestickten Polster und ein offener Weidekorb. Auf dem Tisch standen noch Porzellanbecher und eine Teekanne aus schwarzem Stahl. Neben der Tür zum Flur führte eine Tür in das Bad. Zwischen diesen Türen führte eine steile Treppe auf einen emporgelegenen Schlafbereich.

"Setz dich doch, Tailor!" bat Yonatan, nachdem er die Tür verschlossen hatte und in die Küche gegangen war um Tee aufzusetzen. Tailor pirschte ins Wohnzimmer und fletzte sich in den roten Sessel.

"Mach dir keine Umstände, Yonatan!" rief er, während er die einengende uniforme Garderobe lockerte. Yonatan kam mit einer mit Blume gebrannten Porzellankanne, die er jedoch zunächst auf den Boden abstellte, bis er die Papiere von dem kleinen Tisch auf den großen Tisch geordnet hatte. Er holte zwei passende Tassen aus der Küche, so wie Zucker und Protipotioaqu, eine sahnige, milchige Flüssigkeit, oft auch nur kurz als Propota bezeichnet. Er setzte sich auf das Sofa und blickte den jüngeren erwartungsvoll an. Tailor grinste nur und genoss mit einem langen Schluck Tee die Spannung in der Luft.

Yonatan blickte ihn weiter an, während er einen Schluck trank und erklärte dann: "Jedenfalls bin ich froh, dass du unversehrt zurück bist."

Tailor begann laut zu lachen ohne die Kontrolle über den Tee in seiner Tasse zu verlieren: "Nicht so schüchtern, du darfst doch fragen und ich erzähle es dir auch gern."

Yonatan lächelte und schob seine Brille zurück: "Nun wie ist es dir den ergangen?"

Tailor lehnte sich zurück und begann zu erzählen: "Nun wir mussten gar nicht lange Suchen, den wir wurden bald gefunden. Die Shirse-Shirsir hatten schon erkannt oder gehört, dass unsere Absichten in keiner Weise feindlich sind. Die Präsidentin des Stamms hat uns empfangen und wir haben ihr unsere Pläne erklärt. Sie war erstaunt und erfreut über unsere Bemühungen wie schon die Shrisrsh. Sie hat mich eingeladen vor der ganzen Versammlung zu sprechen. Das beste war, dass ich mich nicht mal mit meinem gebrochenen Shirsirdsi abmühen musste. Eine der Arbeiterinnen konnte sogar Humanisch und hat übersetzt."

Yonatan lächelte: "Das sind wahrhaft gute Nachrichten für den Planeten. Wenn es noch irgendetwas gibt, mit dem ich eure Sache unterstützen kann... "

Tailor grinste: "Danke! Du hast schon unendlich viel für uns getan. Sollte es notwendig sein, gebe ich dir Bescheid. Aber diesmal bin ich nur hier um dich an unserem Erfolg teilhaben zu lassen, außerdem muss ich in der Stadt ein Statusbericht der Gruppen einholen, wir hatten zuletzt wieder großen Zulauf. Wenn es so weiter geht, dann ist es nicht mehr lange, bis wir den Planeten befreit haben."

Yonatan füllte die Tasse Tee mit einem bubenhaften Grinsen: "Großartig!"

Tailor grinste nur breit, während er einen weiteren Schluck trank.


Die Nacht deckte schwarze Wolken über Anpin, gegen die die paar Lichter der nächtlichen Stadt strahlen. Doch dort am Rand zwischen den schon niedergegangen ersten Fabriken durchstreifte kein Lichtschein die Nacht. Lautlos und unsichtbar, langsam doch beständig setzten auch in der Dunkelheit Ranken ihren Weg durch Risse und zerbrochene Fenster fort und umspannten die rohen, rostigen Stahlkonstruktionen der veralteten, zurückgelassenen Fertigungsmaschinen. Ein Windzug blies neue Samen verkleidet mit weichem Flugflaum herein, die wie Schneeflocken still tanzend aufwirbelten und sich schließlich wie in der Nacht sinkende Träume niedersetzen in die Rillen zwischen die glitzernden Scherben. Weiße Knospen sproßen aus den Kletterpflanzen, die die Wände schon fast vollständig erobert hatten. Ein junger Baum war gerade so hoch gewachsen, dass er mit drei Zweigen durch ein zerbrochenes Deckenfenster lugte.

Eine Gestalt lehnte in die Krone blickend an seinem Stamm. Knarrend öffnete sich das schwere rostige Eisentor ein Stück und ein Schatten lunzte vorsichtig hinein, bis er die Gestalt unter dem Baum erblickte.

"Loflain?", wisperte er und das Echo wiederholte fast unhörbar.

"Longfeng!", rief die Gestalt unter dem Baum und rannte dem Schatten entgegen. Longfeng öffnete seine Arme um Loflain aufzufangen.

In seinen Armen liegend flüsterte sie: "Schön dich zu sehen!"

Longfeng lächelte: "Schön dich zu sehen! Wie war deine Woche?"

Loflain seufzte: "Das übliche Elitegedöns. Die sind alle so akorat, so exklusiv, dabei sind sie doch genauso Menschen wie alle anderen, nur dass sie anderes leisten, aber nichts Besseres. Dieses Leistungsdenken vergiftet doch die Menschlichkeit."

Longfeng blickte sie an: "Reg dich nicht auf! Jeder hat seine Chance, es können nun mal nicht alle gleich leben. Ich arbeite Tag für Tag 10 Stunden und ich rege mich auch nicht auf. Ich weiß ich leiste meinen Beitrag und für etwas anderes war ich nun mal nicht gut genug."

Loflain seufzte: "So darfst du nicht denken. Es muss doch etwas krank sein, wenn Menschen nicht befreundet sind, sich nicht offen treffen können, nur weil sie etwas anderes arbeiten."

"Aber du musst zugeben, dass es ungewöhnlich ist, das wir etwas miteinander zu tun haben. Ich meine am Ende könnte man noch auf die Idee kommen, das wir pervers sind und nur deshalb etwas miteinander zu tun haben um -du weißt schon- sexuelle Handlungen oder sowas krankes."

Loflain ließ sich seufzend in das Moos unter sich fallen und murrte: "Jetzt erzähl keinen Quatsch."

Longfeng hockte sich neben sie: "Lass uns nicht streiten, wenn wir uns mal sehen."

Loflain nickte und holte aus ihrer Tasche eine gefüllte Box mit einheimischen Früchten und Gebäck mit Mus und Marmelade: "Schau mal ich habe etwas mitgebracht."

Longfengs Augen leuchteten im Dunkeln auf: Echtes, frisches Essen. Der Geschmack war einfach unvergleichbar besser als die üblichen synthetischen Produkte.

Longfeng war ein einfacher Arbeiter und dafür gezüchtet, wie schon sein Name verriet. Die Namezeichentragenden waren immer die Produktionsstarken gewesen mit Disziplin und Fleiß. Bei ihrer Komposition wurde auf Merkmale, die das unterstützen, besonderen wert gelegt und zumeist waren sie auch durch ihr Äußeres deutlich von den für geistige Arbeit produzierten zu unterscheiden. Natürlich bestimmte die Geburt nicht den Werdegang, doch es war unwahrscheinlich das ein Zeichentragender einen Abschluss erreichte, der ihm zu einer höheren Tätigkeit qualifizierte. Sie waren die Arbeiter und das war allgemein bekannt. Darum waren auch schon mit dem ersten Kolonieschiff zahlreiche von ihnen hier gelandet. Longfeng selbst war eines der ersten Kinder, die auf Ying selbst in den neuen Geburtshäuser gebornen und aufgezogen worden waren. Die Generation davor war noch von den Siedlern aufgezogen worden. Longfeng zeichnete sich eben durch die Qualitäten der Zeichentragenden nicht nur durch seine Mandelaugen und schwarzen Haare, sondern besonders durch seinen Fleiß und seine Ausdauer als Industriearbeiter.

Dass ein Industriearbeiter wie er und eine Studentin wie Loflain Kontakte pflegten, war eher ungewöhnlich und nicht zuletzt einem großen Zufall geschuldet und ihrer großen Neugier. Das erste Mal trafen sie sich nämlich in den Mittelwälder, die für Menschen nicht nur durch den hohen Luftdruck in den tieferen Lagen als auch durch die wilden Tiere gefährlich werden konnten. Sie beide aber waren fasziniert von diesen Orten und wagten hin und wieder Wanderungen in die Wälder. Dabei hatten sie sich getroffen. Seitdem trafen sie sich und überraschten sich mit immer neuen Erkenntnissen über den Planeten, auf dem sie lebten.

Während sie aßen, fiel Longfeng noch etwas ein. Er grinste geheimnisvoll und verkündete: "Ich habe auch etwas dabei."

Loflains Augen leuchteten auf und ihr Blick fiel auf seine schmutzige Stofftasche. Er öffnete die Schnalle und mit einem leisen Schwirren stieg ein Licht aus der Tasche. Loflain kniff geblendet die Augen zusammen. Langsam sah sie in dem Licht Umrisse eines dreigliedrigen, faustgroßen, runden Insektenkörpers, der von leuchtenden Haaren umgeben war. Die riesigen schwarzen infrarot Facettenaugen des handgroßen Wesens richteten sich nach Loflain aus. Longfeng nahm ein Stück Obst und hielt es dem Wesen hin, das daraufhin auf seiner Hand landete mit vier Beinen und mit den vorderen zwei Beinen das Obststück nahm und an ihm herumknabberte.

Loflain strahlte: "Wie niedlich! Sowas habe ich noch nie gesehen. Wie sollen wir es nennen?"

Longfeng zuckte mit den Schultern: "Schwirrlicht? Ich habe ihn jedenfalls Sirili genannt."

"Darf ich?", fragte Loflain.

Longfeng nickte. Loflain nahm ein zweites Fruchtstückchen und hielt es Sirili hin. Das kleine Wesen blickte sie zögerlich an, legte den Kopf schief und nahm es ihr schließlich aus der Hand.

Loflain lächelte: "Das ist faszinierend. Es muss in den Haaren vom Körper fluorizierende Flüssigkeiten hinaufleiten."

Longfeng berichtet begeistert: "Es ändert sogar sie Farbe, wenn es in Gefahr ist, wird es rot um wie Feuer abzuschrecken und seine Freunde zu rufen. Es wird grün um andere anzulocken und es scheint eine feine Geruchswahrnehmung zu haben."

Loflain strahlte: "Ich mag ihn."

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