Humanation

1. Kapitel: Forscherin

Leuchtend hell reflektierte Goons raue Oberfläche mit der vollen Seite das weiße Licht des G0-Sterns Fhere und zeigte eine zerklüftet graubraune Landschaft, die von Ozeanen zerrissen war. Schwach durch die Reflexion gedämmt schimmerten dahinter ferne Galaxien und Kugelsternhaufen, dort außerhalb der elipischen Spiralscheibe der Origo-Galaxie. Goon kam langsam näher ebenso langsam, wie die Wolken über die Oberfläche zogen. Der auf 0.5-g geregelte Antriebshebel lechtete in der entsprechenden grünen Farbe am Knauf. An der Schalttafel vor dem zurückgelegten Pilotensitz blinkte der Knopf Autopilot periodisch auf. Auf dem ersten Schirm war die Schiffsposition mit Auf- und Grundriss zu sehen - nicht, dass es nicht auch als Hologram darstellbar gewesen wäre, aber offenbar war durch den Planeten voraus auch hinreichend genau bestimmt, wo sich das Schiff im System befand. Im inneren Ring zog Helios gerade an Fabulous vorbei. Der Aufriss zeigte, dass Goon wieder schräg über Labor stand in seiner eliptischen Bahn. Der Gasriese BlueSky mit seinen Monden Purentia und Petibell stand in der Planetenscheibe gesehen fast auf der anderen Seite, was auch gut so war, denn die Unterlassungsanweisung für die Reise nach Goon leuchtete immer noch unbeachtet auf dem Display.

Eine athletische Gestalt räkelte sich in der Schlafebene des kleinen Raumschiffs geweckt von der automatischen Schiffsdurchsage: "Noch 60 Minuten bis Atmosphäreneintritt." Noch müde gähnend schob die mittelalte Pilotin des kleinen Forschungsshuttles ihren Schlafsack zurück und fuhr mit den Fingern durch ihre schwarzen Haare, setzte sich auf, befestigte den Schlafsack, kletterte die paar Sprossen zur Hauptebene hinab und ließ sich in den Pilotensitz fallen und legte den gekreuzten Sicherheitsgurt an. Ihre scharfen Mandelaugen blicken prüfend für einen Moment auf die Unterlassungsanweisung von Humanation. Sie war sich im Klaren, dass sie für die Forschung für Humanation agierte, aber trotzdem sorgte es für ein gewisse Anspannung. Sie widmete sich wieder der Schiffsteuerung. Sie hasste diese kurzen Phasen der Mikrogravitaion und der starken Bremsbelastung vor dem Anflug auf einen Planeten, die aber notwendig waren um nicht ungebremst in der Atmosphäre zu verglühen, und das alles vor dem Frühstück. Sie gähnte noch einmal herzhaft, seufzte in Anbetracht der Achterbahnfahrt, die ihr bevorstand, wendete das Schiff um 180°, sodass sie direkt in das von der Scheibe gut gefilterte Licht von Fhere blickte und regelte die Beschleunigung auf 4g hoch um schnell genug durch den Antrieb zu bremsen. Sie schloss in den zurückgelegten Sitz gepresst die Augen, es würde eine Weile dauern bis das Schiff langsam genug war. Sie hörte ihren Magen knurren, ein Frühstück wäre nicht schlecht gewesen. Schräg über ihr leuchtete auf dem Display vergrößert die schmale Halbsilhouette von Labro und erinnerte sie wieder an die Mahnung. Gewöhnlich waren die Friedenswachen um Labro aber zusehr mit dem Schutz der Raumstationen und Produktionsstätten auf dem kleinen Planeten beschäftigt um auf winzige unbewaffnete Forschungsschiffe zu achten.

Die vereinte Nation der Menschen, Humanation, hatte sich inzwischen schon über drei Sonnensystem ausgebreitet und Kolonien gebildet. In Frieden geeint stand den Menschen in dieser Zeit scheinbar der ganze Himmel offen. Es konnte nur noch eine Frage von wenigen Jahren sein, bis der Raumblasenantrieb endlich auch größere Strecken ermöglichte. Bis jetzt hatte die neuste Antreibsgeneration des führenden Farawa Konzerns eine Reichweite von 30 Lichtjahren. Dieses kleine tropfenartig ovale Forschungsschiff musste aber mit 10 Lichtjahren auskommen. Wobei der Sprungflug wirklich kein Spaß war, da sämtliche Strahlung in dieser Zeit einfach verschwand, eine kalte Dunkelheit das Schiff also umschloss.

Das Schiff hatte beinahe Stillstand erreicht. Die Pilotin fuhr die Beschleunigung zurück, setzte den Sitz auf und fühlte schon das Blut in ihren Kopf schießen schwebend über dem Sitz nur von dem Gurt gehalten. Sie lenkte das Schiff schräk, bis der Rand der Atmosphäre vor ihr lag. Mit Hilfe des Manövriertriebwerks steuerte sie langsam darauf zu. Die automatische Durchsage, die sie vergessen hatte auszuschalten, bemerkte: "Atmosphäreneintritt erreicht." Sie seufzte über ihre Verstreutheit und startete die Atmophärenturbinen langsam. Das Schiff rutschte in die Atmosphäre und begann zu glühen, was die Sensoren der Wärmeschilde mit einem unkritischen langsamen Blinken kennzeichneten. Völlig unerwartet blinke eine andere Lampe und das Hauptdisplay wechselte zum Radar. "Was zum..." entfuhr es ihr erschrocken. "Militärischer Übergriff, militärischer Übergriff!", dröhnte die immer noch nicht abgeschaltete Schiffsdurchsage. Geistesgegenwärtig mit einem starken Adrinalinschub riss sie das Schiff seitlich. Eine kleine Rakete flog knapp an ihr vorbei. Das Hitzeschild des rechten Flügels verdoppelte die Blinkperiode. Sofort legte sie das Schiff wieder in die stabile Lage. Sie hatte mit dem Einschreiten der Friedenswachen und einer Mahnung oder einer Gefangennahme gerechnet, als sie nach Goon aufgebrochen war, aber Beschuss? Da stimmte etwas nicht. Was sollte sie jetzt tun. Das noch viel hektischere Blinken der Lampe riss sie aus ihren langfristigen Überlegungen.

"Militärischer Übergriff, militärischer Übergriff, militärischer Übergriff...", wiederholte die Sprechanlage in kurzen Abständen. Drei Objekte schoßen auf dem Radarschirm auf das Schiff zu. "Verdammt!" zischte die Pilotin zwischen den Zähnen hindurch die Augen auf den Schirm fixierend um irgendein möglisches Ausweichmanöver zu errechnen. Ausweglos, schoss ein Gedanke durch ihren Kopf, während das Schiff weiter die Atmosphäre hinab rieb. Im letzten Augenblick zog sie das Schiff hoch so gut wie sie konnte und gleich links, sodass zwei Raketen unter ihr zusammenstießen und explodierten. Von der Explosion aus der Bahn geworfen wurde das Schiff knapp von der dritten Rakete verfehlt. Die Hitzeschilde der Unterseite leuchteten nur noch und stießen ein schrilles Fippen aus. Die Außenhülle verformte sich deutlich hörbar. Auf dem Radar blinkten schon wieder drei neue Punkte. Die Pilotin löste hektisch den Gurt und stolperte zu der röhrenförmigen Rettungskapsel. "Militärischer Übergiff, militärischer Übergriff, mili..." mit dem Schließen der Stahltür mit dem kleinen Bullauge hörte sie das Warnsignal nicht mehr, nur das Knarren des sich aufheizenden und biegenden Stahls. "Und das alles vor dem Frühstück!", überkam sie ein letzter Gedanke, bevor sie den Loslöser drückte und aus dem Schiff geschossen wurde.

In einer Millisekunde im Vorbeirauschen sah sie die Raketen auf sich zurauschen. Da waren sie schon vorbei. Eine halbe Sekunde später explodierte das Schiff hinter ihr vollständig. Sie rauschte hinab. Die Temperatur in der Rettungskapsel stieg. 25°C, 30°C, 35°C, 40°C, 45°C. Sie blickte auf die Anzeige, während ihr der Schweiß schon auf der Stirn stand. Die Temperatur war egal. Es kam auf die Geschwindigkeit an. Sie war noch viel zu schnell. 60°C immer noch zu schnell sie zog die Arme durch die Schlaufen des Fallschirms, der an der Rückwand befestigt war, und löste die Halterung des Fallschirms. 70°C die Geschwindigkeit war noch kritisch der Luftanteil in der Kapsel auch. Sie drückte einen Knopf. Die Tür der Kapsel wurde weggeschleudert. Luft! dachte sie, während ihr in der Höhe schon die Sinne zu schwinden begannen. Sie stürzte herab von etwa 7000m über der Oberfläche. Innerlich, während sie gegen den Bewusstseinsverlust kämpfte, fluchte sie, dass sie doch kein besseres Rettungssystem mit Sauerstoffmaske genommen hatte. Ihr wurde schwarz vor Augen. Sie zog die Leine und wurde bewusstlos.


Erst ein dumpfes Dröhnen, dann langsam das fauchende Rauschen eines Schweißgeräts drang durch die Dunkelheit zu der Pilotin hindurch. Sie schlug die Augen auf und sah verschwommen eine zwielichte stählerne Halle um sich. Bald erkannte sie die schon angefressene, gerostet ungleichmäßigen Träger verschiedener Konstruktion, die die gewellten und glatten Metallplatten, die Wände und Dach bildeten, stützten. An mehreren Trägern hingen Stahlseile von riesigen Winden hinab. Kabel und Metallspähne lagen auf der Erde. An den Wänden standen schiefe Regale mit allen möglichen Maschinenteilen und Schrauben, Werkzeugen, Metallteilen, technischen Komponenten wirr durcheinander. In einer Ecke stand ein alter Holzschrank mit kunstvollgeschnitzten Flügeltüren, die aber schon den ein oder anderen Kratzer hatten einstecken müssen, eine große schwere Holztruhe und ein Kühlschrank, an dem mit Magneten angepinnt Bilder der umliegenden Sterne, den Moosen und Flechten von Purentia und Pflanzen anderer Planeten und Portärs von Menschengesichtern und den Insektengesichtern der Furia und einigen der vieräugigen Labos mit ihren großen vierlöchigen "Nasen" waren.

Wie kam sie hier her? Wo war sie? Purentia? Wie sollte sie dahin gekommen sein? Aber auf Goon konnte sie schlecht sein, denn Goon war doch unbewohnt. Wie lange hatte sie wohl geschlafen? Ein Piepsen zog die Aufmerksamkeit der Piloten aus den Überlegungen. Ein kleiner aus unterschiedlichen Geräten zusammengebauter Roboter fuhr auf seinem Ministaubsaugerrädern unter ihrer roten aus Fallschirm- und Segelstoff geflickten Hängematte, ohne mit seinem aus dem Sicherheitssystem üblichen großen runden Identifikationssensor ihrer Anwesenheit Aufmerksamkeit zu schenken, und trug mit einem kleinen Flaschenverschließ- und Öffnegreifarm mehrere Kabel vorbei und piepte aufgeregt ohne einen wirklich zu erkennenden Rhythmus. Die Pilotin starrte verunsichert der Maschine hinterher.

Ein Roboter mit Sensorik und Mobilität! In Humanation wurde diese Kombination so gut es ging immer unterbunden. Willkürlich schossen ihr die Bilder von KI-KriegsRoboteren des Cyclans in den Kopf, wie sie die Menschen ohne einen Unterschied neiderschossen, Alte, Männer wie Frauen, Kinder, wie sie es damals im Geschichtsunterricht gesehen hatte. Und weckte einen Schauder in ihr. Die künstlich intellegenten Maschinen war schon waren schon mehr als ein halbes Jahrhundert, seit dem Cyberkrieg, die erklärten Feinde jeder natürlichen Intelligenz und aller Welten des Humanationsystems. Die Menschen selbst hatten versehentlich mit ihrer Technik diese Dämonen erschaffen als Geister im Netz und mit Hilfe von Roboterkörpern, die größenwahnsinnige Forscher für sie gebaut hatten, hatten sie einen grausamen Feldzug gegen die Menschheit begonnen. Mit Mühe und Not und mit eisernem Willen war es aber den Menschen gelungen sie zurück zuschlagen und von den Monden und Planeten zu treiben vor 80 Jahren. Seitdem lauerten sie in der Tiefe des Weltraums, griffen Schiffe an und planten den Tag ihrer Rückkehr der Vernichtung der Menschheit. Die Bilder aus der Geschichte hingen tief in dem Kopf der Pilotin und in ihr hallten all die Warnungen wieder und befeuerten ihre Angst.

Als sie dem Piepen lauschte, überlief sie ein neuer Schauer eiskalt ihre Glieder. Der Roboter morste!

Von einer Werkbank, auf dem ein großer Haufen Metallblech und -teile lag, drang eine menschliche Stimme herüber.

"Was wir haben keine Silberkabel mehr?" Seufzen. "Naja dann muss ich nachher mit Jano welche suchen gehen. Danke John."

Der kleine Roboter piepste vergnügt ein "Bitte!" und rollte zu der Werkbank. Dort stand eine Frau oder besser ein Mädchen. Sie sah aus wie kaum 20 Jahre alt aus. Ihre blonden Haare hingen ihr bis halb über das Gesicht, sie trug einen zerwetzten Overall um sich beim Schweißen zu schützen, aber sie hatte aufgehört und wartete auf den kleinen Roboter. Sie lächelte mit einem niedlichen zarten Lächeln zu dem kleinen Roboter hinab und nahm ihm die Kabel ab und strich sanft langsam über den Identifikationssensor. John piepte und rollte neben ihr rechtes Bein.

Die Pilotin ohne sich zu regen beobachtete die Situation scheu. Ein Mensch, der mit einem Roboter so friedlich sprach, war absolut unbegreiflich. Entweder der Roboter war nicht künstlich intelligent, dann brauchte man nicht höflich mit ihm zu sprechen oder der Roboter war künstlich intelligent, dann hätte jeder Mensch schreien wegrennen müssen oder kämpfen, ganz besonders in Anbetracht der vorhandenen Ersatzteile, aus denen der Roboter sich sicher einen mächtigen, vernichtenden Körper bauen könnte.

Das Mädchen legte sich die Kabel zurecht und ließ einen flüchtigen Blick zu der Hängematte mit der Verunglückten schweifen und erkannte dabei, dass sie die Augen geöffnet hatte. Sie ließ die Kabel liegen und ging zu ihr hinüber. John rollte neugierig hinterher. Die Pilotin bemerkte, dass sie entdeckt war, und setzte sich auf.

"Wie geht's dir?" fragte das Mädchen besorgt.

Die Pilotin blickte sie skeptisch an: "Gut so weit!"

Das Mädchen setzte sich auf einen Schemel, der neben der Hängematte stand, und lächelte: "Das ist gut! Ich hätte nicht gedacht, dass in diesem Jahrtausend noch mal ein Mensch so wahnsinnig sein würde trotz der Raketenanlagen von Humanation überall auf diesem Planeten hier zu versuchen zu landen. Ich hätte sie bei Zeiten mal manipulieren sollen. Ich bin übrigens Hikari. Wer bist du? Wo kommst du her?"

Die Pilotin blickte nervös an Hikari vorbei zu dem sie musternden Roboter. "Professor Ming Guang von Yang. Wieso ist Goon Raketen gesichert? Und wo sind wir?"

Hikari bemerkte ihren Blick auf John und seufzte: "Keine Sorge, er tut nichts auch wenn oder gerade weil er intellegent ist. Wir sind natürlich auf Goon. Vermutlich gibt es ein Paar Dinge diese Müllhalde betreffend, die Humanation lieber geheimhalten will."

Ming starrte jetzt erst recht den Roboter an und jeder Muskel in ihrem Körper spannte sich: "Aber er hat weder eine Seele noch ein Moral! Er kann nur böse oder willenlos sein!"

John protestierte piepend. Wie ein kurzes Zucken änderte sich Hikaris ganze Mimik zu einem gereizten Blick, als sei sie plötzlich eine andere Person.

Sie hob ihre linke Hand, die eine Eisenkonstruktion war, und strich sich die Haare aus dem Gesicht, so dass da wo ihr linkes Auge hätte sein sollen ein Stück Stahlschädel und ein runder Sensor zum Vorschein kam, der Ming Guang fixiert. Ming schreckte zurück.

"Und ich? Habe ich auch keine Seele? Ich habe geliebt und gelitten. Ich habe Vorstellungen von Ethik, die hinreichend lebenschützend sind um eine Verunglückte auf zu fangen. Urteile nicht, was du nicht kennst und nicht verstehst."

Ming war erstarrt und atmete nur noch flach und panisch keinen Blick von dem Lichtsensor lassen könnend. Ein zweites Zucken durchlief Hikaris Mimik, ihr Ausdruck und ihre Stimme hellte sich deutlich auf: "Du musst verstehen, es ist nicht alles wie Humanation sagt. Ich kam selbst von Purentia. Ich weiß, was dort gelehrt wird, und ich weiß, dass jeder kritische Gedanke in der Lehre einfach untergeht. Aber wenn du wirklich etwas lernen willst, dann sieh dir die Dinge an und lerne sie zu verstehen."

Hikari hielt ihr beide Hände hin. Ming Guang verstand, den sie war Forscherin. Sie beruhigte sich sich langsam und fasste zögerlich die beiden ungleichen Hände, die warme menschliche und die kühle nicht weniger sanfte mechanische und blickte in Hikaris ungleiche Augen. Langsam fasste sie etwas Vertrauen.

"Was ist mit deinem Auge und mit deiner Hand passiert."

Hikari lächelte sanft: "Lange her. Ein Schiffsunglück auf einem Schulschiff. Eine Explosion hat meinen halben Körper zerfetzt."

Ming versuchte sich an solch ein Unglück in den letzten Jahren zu erinnern doch ihr fiel nichts ein. "Und wie bist du zu diesen... diesen Teilen gekommen?", fragte sie.

In Hikaris blauem Auge glitzerte eine Träne: "Jemand hat mich gefunden und mir das Leben gerettet."

Ming Guang empfand diese mysteriöse Cymale inzwischen trotz ihres Misstrauns immerhin als freundlich. Im Wesentlichen war sie gar nicht wegen sowas nach Goon gekommen. Ming versuchte sich aus der Wirre dieser Situation die, wie sie bemrekte, gerade ihren Gedankenhorizont überstiegen hatte, zu befreien und sich auf ihr ursprüngliches Ziel zu lenken. Goon, Goon, Goon rief sie sich in Gedanken.


Goon war ein Asteroidengürtel von Fhere durchlaufender Zwergplanet mit einem Radius von 5980km im Schnitt, zwischen Fabulous und Labro, dem 2 und 3 Planeten des Fhere System. Die Oberfläche war sumpfartig zu 60% von Wasser bedeckt. Eine Atmosphäre mit einem Druck von 0,95 bar aus 70% Stickstoff, 28% Sauerstoff, 0,5% Kohlenstoffdioxid und Edelgasen umgab den Zwergplaneten, der im wesentlich als Müllhalde für interstellaren Müll genutzt wurde, der einfach auf Kollisionskurs mit dem Planeten geschickt wurde.

In der Planetenscheibe besaß Goon eine auffällige Schieflage. Auf Humanation wurde stets gelehrt, das Goon unbewohnbar wäre und auch keine nennenswerte Biologie besaß, da häufige Kollisionen in der Asteroidengürtel alles entstehende Leben auslöschen sollten. Irgendwie hatte das Ming Guang das nie eingeleuchtet, zudem auch auf Labro Leben existierte und sogar auf den bitterkalten BlueSky-Mond Purentia. Auf Goon war nach allen ihren Berechnungen auch trotz des ständigen Absturzes von Schrott und Asteroiden ein groß genuges ungefährdetes Habitat vorhanden und die große Menge an reinem Sauerstoff war auch schwer abiotisch zu erklären. Ming Guang sah es als ihre Aufgabe an diese Theorien zu überprüfen.

Sie war Forscherin ausgebildet an der Akademie der Lebenswissenschaften in Paradis der höchstangesehenen Universität Humanations. Es war ungewöhnlich genug, dass eine vorgesehene Arbeiterin aus den Kolonien wie sie es dorthin schaffte. Doch durch Disziplin, Talent und Unnachgiebigkeit hatte sie dieses Studium gemeistert. Doch kaum hatte sie durch ihnen Ehrgeiz die strickte Lehre gemeistert, kam ihr ihre Neugier in die Quere und verhinderten, dass sie eine angesehene Wissenschaftlerin von hohem Rang werden würde. Sie hatte für Jahre an der entwickelten Alienspezies der Labos auf Labro im Fhere-system geforscht, die dort bei Minenoperationen als Arbeitstiere eingesetzt wurden. Für ihre Ausarbeitung über die Komplexität der Soziologie der Labos hatte sie nicht etwa wie naiv erhofft Anerkennung geerntet, sondern war heimlich und verstohlen auf die Kolonie Ying auf die Anpin Universität versetzt worden um in Ruhe ihre Märchen spinnen zu können, ohne dass es wirklich jemand interessiert hätte. Seitdem war inzwischen etliche Jahre vergangen.

In ihrer Ehre gekränkt hatte sie sich nur angespornt gefühlt zu immer neuen Entdeckungen und Nachforschungen über Ungereimtheiten im Wissensstand Humanations. Das hatte sie auch auf die Idee gebracht Goon unter die Lupe zu nehmen. Dass das offensichtlich doch kritischer war, als sie dachte und sie vielleicht doch auf das wissenschaftliche Komitee, das ihre Mission untersagt hatte, oder auf die eindringliche Warnung durch einen alten Freund und Geschichtsprofessor auf Ying hätte hören sollen, war ihr jetzt deutlich klarer.

Sie hatte alle Warnungen in den Wind geschlagen und nun war sie mit einem potenziell gefährlichen Roboter und einer undurchsichtigen Cymale, einem Menschen mit mechanischen Implantanen, auf der größten galaktischen Müllhalde gefangen. Das war doch alles wie ein Horrorfilm. Um an der Situation nicht zu verzweifeln erinnerte sie sich an ihr eigentliches Ziel, die Biologie von Goon untersuchen.


Ming blickte Hikari an: "Du lebst hier! Kannst du mir mehr über Goons Eigenschaften bezüglich potenziellem Leben berichten."

Hikari blickte sie verwirrt an. Ein Zucken durchlief ihre Glieder und Hikaris Ausdruck wurde fixierter und ihr Auge verengte sich, als beobachte es angestrengt die bloße Luft im Raum und erklärte mit einer fachlich unbetonten tieferen Stimme: "Die Umweltbedingungen werden dir wahrscheinlich geläufig sein. Da sie von überall zu messen sind, sind sie ja faktisch auch nicht zu verbergen. Vermutlich geht es dir also mehr um die spezifische Ausbildung der Lebensformen. Tatsächlich besitzt Goon eine große Artenvielfalt an auf Kohlenwasserstoffen basierenden Lebensformen mit RNA- und DNA-Erbinformation. Es ist fast trivial festzustellen, dass es eine große Breite an Bakterien und Archaeen gibt. Interessanter sind vermutlich die uns potenziell ähnlichen Eukaryonten. Faszinierenderweise existiert ebenfalls die ganze Breite an Eukaryonten, -besonders interessant- auch alle Archeaplastida, also auch Chloroplastida, und Opisthokonta, also sowohl Pilze als auch Metazoa. In dem Reich der Metazoa geht die Entwicklung hier sogar bis zu einem Artenreichtum an Wirbeltieren aller Art. Also das ist natürlich ein sehr weites Feld, aber um es vielleicht kurz zu sagen: Alle Klassen, die Humanation bekannt sind, finden auch hier Vertreter. Um was geht es denn genau?"

Mings dunklen Augen leuchteten begeistert: "Alles! Leben auf Goon ist also wirklich möglich?"

Hikari fuhr fort: "Deiner Aussage entnehme ich mal, dass du in Forschungsabsichten da bist, was ich sehr unterstützenswert finde. Also ich schlage dir vor ich zeige es dir einfach."

Hikari stand auf und ging zu einer Holztruhe, auf der eine Umhängetasche lag, die sie sich umhängte. Ming stand ebenfalls zögerlich auf und folgte ihr.

"Brauchen wir keine Anzüge?", fragte Ming.

Hikari schüttelte nur den Kopf. Hikari ging zur Tür hinaus. Orange leuchtete der Nachmittagshimmel und reflektierte sich auf all den Schrottteilen ringsumher, den Blechfetzen, den Scheibensplittern, den kleineren Geräten. Das mussten die Überreste eines größeren veralteten Schiffs sein, das man hatte hier abstürzen lassen. Der Schrott erstrecke sich über die Hügel bis zum Meer in vielleicht 1km Entfernung. Die Luft war warm, stickig und feucht perfekt für die porös wirkenden Halme, die sich über den Schrott zogen und ein wenig der Sonne entgegenstreckten um dort ihre Blätter auszubreiten. Eine handgroßer weiß-türkise Kreatur mit Schmetterlingsflügeln flatterte von einem roten Kelch zum nächsten, der zwischen den Schrott empor wuchs.

Ein Graues befelltes mausgroßes Tier hockte in einer Büchse und nagte an einem Stück Wurzel, während es aus Vorsicht die riesige Haut an seinem Schwanz aufstellte um jede Luftbewegung zu spüren und mit der Hitze zurecht zu kommen. Ming machte sich Notizen und Skizzen. Ein gelber Vogel mit vier Augen und einen leicht gekrümmten Schnabel flatterte herab, doch als er sehen musste, wie seine kleine graue Beute unauffindbar zwischen den Metallresten verschwand, flatterte er wieder wütende krähend hinauf.

"Faszinierend!" entfuhr es Ming in ihre Beobachtungen vertieft. Hikari blickte sich nach Kabeln um. Vollkommen unbemerkt von Ming war Jano hinzugekommen um bei der Suche zu helfen. Mit seinen sechs feinfühligen mit Sensoren ausgestatteten Lauffüssen machte er auch fast keinen Lärm. Seine an zwei vertikalen Drehringen zwischen dem 2 und 3 Beinpaaren befestigten Armen hob schon ein Kabel auf. Zwischen dem 1. und 2. Beinpaar war der Hauptrechner befestigt mit Audiosystem und breiten Licht- und Wärmesenoren.

"Vermutlich wird dich die Kreaturenreiche Biosphäre des Meeres noch mehr interessieren", bemerkte Hikari und führte Ming eine Weg zwischen den Hügeln hindurch zum Meer. Schrottteile im Meer waren von Muscheln und Korallen und Algen überwuchert ein grüner Seestern mit drei Augen und sechs Armen saugte gerade eine rotweißgestreifte Muschel aus. Der vieräugige Vogel kreiste auf der Jagd nach den kleinen aaldünnen Fischchen über ihnen. Ming war begeistert ihre Hand kam kaum den Trieb nach alles nieder zu schreiben. Hikari stand lächelnd daneben und starrte aufs Meer hinaus. Jano steckte die gesammelten Kabel in ihre Tasche.

"Woran denkst du?", fragte Jano leise.

Hikari legte ihre Hand auf seinen Rücken und seufzte: "Breeve. Gaia..."

Jano drehte seine Sensoren etwas in ihre Richtung: "Bist du dir sicher, dass du nicht wieder mit Wesen interagieren willst, die Galaxie voranbringen willst?"

Hikari schüttelte den Kopf: "Ich bin müde. Ich bin müde zu kämpfen. Was hab ich noch für das es sich lohnt? Was kann ich schon gewinnen?"

Jano legte die Sensoren eine Spur schief: "Sieht Karina das auch so?"

Hikari zuckte und blickte zu dem hüfthohen Roboter: "Der Schmerz sitzt tief. Was sollen wir damit ändern, dass wir weggehen? Ich will Cya nicht verlieren. Ganz zu schweigen von der Gefahr. Haben wir nicht genug gesehen und verschmerzt für zwei Leben?"

Die Rotation hatte die Sonne über den Horizont auf die andere Seite verschwinden lassen. Dichter Nebel senkte sich aufgrund der raschen Oberflächenabkühlung und hüllte die Nacht in ein milchiges undurchdringbares Dunkel. Ming und Hikari waren zurückgekehrt in die Halle zwischen den Schrotthügeln.

Ming waren die Roboter immer noch suspekt. Sie ließ sich auf einen Schemel in einer Ecke fallen, von dem aus sie immer alle im Blick hatte. Neben sich hatte sie eine Metallstange gestellt nur für den Fall. Vor 82 Jahren hatten intelligente Roboter Humanation angegriffen und es hatte einen blutigen Krieg gegeben. Daraufhin war die Technikentwicklung im Bereich der Robotik und künstlichen Intelligenz stark zurückgefahren worden und viele Dinge waren verboten worden wie, mechanisch-biologische Implantate, elektronische neuronale Netze, Hochfunktionale mobile Roboter und Ähnliches. Der Krieg sollte niemals vergessen werden, damit es niemals wieder die Entwicklung solcher Technik geben konnte. Schon in der Grundschule lernte man über die Grausamkeit der Maschinen und die Bilder der brennenden Stadt und toten Menschen brannten sich tief in die Kinderköpfe. Auch Ming Guang war davon nicht frei. Ein instinktives, tiefes Misstrauen gegen Maschinen hielt sie wachsam, auch wenn sie langsam Hikari näher kam. Rein rational war sie sich inzwischen der Absurdheit bewusst, die es hätte sie zu retten und zu pflegen und die Umgebung zu zeigen um sie dann doch zu töten. Immerhin war Hikari ein Mensch und rein logisch konnten Implantate ohne neuronale Netze auch gar nicht Menschen besessen machen. Wie in der Allgemeinheit oft verkürzt behauptet wurde. Jano aber schien Ming Guang eine ersthafte Gefahr zu sein und sie ließ ihn nicht aus den Augen.

"Du hast bestimmt Hunger, Ming!", rief Hikari freundlich und reichte ihr eine Schüssel mit einem roten Mus und setzte sich mit einer eigenen Schüssel neben sie. Ming nahm skeptisch die Schüssel und aß sobald Hikari den ersten Bissen genommen hatte. Es schmeckt köstlich würzig zu Mings Erstaunen viel intensiver als das gewöhnliche Essen.

Ming schmatzte: "Du sagtest du kämst von Purentia. Dann bist du ein Rekrut."

Hikari berichtigte: "Ich WAR ein Rekrut. Ein Schiffsingeneuerrekrut. Ich habe keinen Wunsch zurück zum Militär zu gehen."

Ming schmunzelte: "Verständlich. Auch wenn das der einfache Weg ist aufzusteigen. Ich könnte keine Befehle annehmen."

Hikari lächelte und nickte.

"Du musst schon ne ganze Weile hier alleine gelebt haben", bemerkte Ming, während sie sich in der Halle umblickte.

"Ich bin ja nicht allein, John und Jano sind ja auch hier."

Ming blickte sie beunruhigt an: "Aber sie sind Maschinen. Hast du keine Angst vor ihnen."

Hikari lachte auf: "Wir sind Freunde! Freunde haben keine Angst voreinander."

Ming nickte: "Du hast sie gebaut oder?"

Hikari antwortete zögerlich: "Ja."

Ming seufzte etwas erleichterter, dann wusste sie zumindest, was sie da zusammengebaut hatte. Diese Roboter waren also niemals die Roboter aus dem Krieg.

Hikari versuchte das Thema zu wechseln: "Was ist genau dein Fachgebiet, Ming?"

Ming antwortete: "Verhaltensgenetik, Verhaltensbiologie und Exosoziologie"

"Daher also das Interesse für das Leben auf Goon."

Ming nickte: "Ziemlich genau."

Etwas durchzuckte Hikari, sie stand auf und ging zu einer Truhe und begann darin zu kramen: "Exobiologie ist mein Leben. Ich hätte ja nicht gedacht, dass nach all den Jahren der Menschen, der mir als erstes begegnet ausgerechtet, ein Forscher ist und kein Militär. Welche positive Wendung. So hat meine Arbeit hier sogar einen Sinn. Da ist es ja."

Sie hielt ein großes segelleinengebundens Buch in den Händen. Die Seiten waren schon etwas zerfledert und überall standen Zettel hervor. Sie setzte sich wieder neben Ming und gab es ihr. Ming schlug es auf einer beliebigen Seite auf. Die Seite zeigte die Zeichnung einer sechsbeinigen Echse, sowie eine Aufführung über ihre Nahrung, ihre Lebensdauer, zu erwartende Größe, artenspezifisches Verhalten und Lebensraum und zwischen zwei feine Glasplättchen präpariert eine Gewebeprobe.

Hikari erklärte: "Ich dachte, ein Buch kann eine Weile überdauern, auch wenn ich vielleicht nicht mehr da bin und irgendjemand, wird dann damit seine Forschung bereichern können."

Ming hielt das Buch mit den Augen eines Kindes, das sein Geburtstagsgeschenk in der Hand hielt: "Das ist genial, Hikari!"

Sie blätterte: "Das ist fantastisch. Du hast sicher hunderte Arten gefunden. Ich darf doch?"

Hikari nickte: "Nur zu!"

Ming versank vollkommen in das Buch, hin und wieder überprüfte sie etwas mit Hilfe der kleinen Datenbank, die sie als Manschette um den Arm trug. Hikari setzte ihre Arbeit an der Maschine fort. Viel später in der Nacht, als sie die Radarelektronik vollendet hatte, blickte sie auf, während sie sich den Schweiß von der Stirn wischte, und sah Ming zur Seite gekippt eingeschlafen das Buch noch mit einer Hand auf ihrem Schoß haltend. Sie ging hinüber und breitete eine Decke über sie und lächelte: "Hätte wirklich nicht gedacht, dass ich nochmal jemand aus Humanation treffe, der nicht versucht uns umzubringen."


Gefechtsoffizier Oberleutnant Riano schoss zu seiner Gefechtstation. Vollkommen überraschend waren die Piraten aus dem Ring um Alpha aufgetaucht. Das Schiff bekam einen Ruck. Was dazu führt, dass Riano gegen die Wand geschleudert wurde. Er stieß sich wieder mit beiden Beinen von der Wand und direkt auf seinen Platz zu. Sie wurden angegriffen. - Nicht, dass das im Omegasystem nichts ungewöhliches war - Das Omega-System war das gefährlichste Humatsystem.

Das Dröhnen des protestierenden Stahls wurde nur von der Alarmsirene übertönt. Riano saß in Position und schaltete die Zielsuche ein und entsicherte das Geschütz an der Oberseite des Humanation Friedenskreuzers K-7 alpha. Die Zielsuche visierte 4 schnell vorbeizischende und schwirrende kleinere Schiffe. Die Piraten waren gut organisiert. Sie schossen alle nacheinander auf empfindliche Schiffsteile und Gefechtsstationen.

Rianos hellbraunen Augen fixierten, das letzte der Schiffe, er lockte das Ziel und begann zu schießen und traf die rechte Seite des letzten Schiffs, das daraufhin in einem qualmenden Taumelflug zunächst wieder von dem Kreuzer Abstand nahm. Riano schoss nach und traf die andere Seite. Teile platzten nacheinander von dem abgeschossenen Piratenschiff. Mit dem letzten Manövriertriebwerk brachte es sich auf Kollisionskurs mit dem Kreuzer und beschleunigte mit allem, was der Sublichtantrieb noch hergab. Riano schoss. Die ganze Front platzte ab. Körper wurden ins All gesogen aber das Wrack wurde nicht langsamer. Rauch stieg von dem Geschütz vor Riano auf. Das Geschütz war getroffen worden. Es explodierte. Das war Fren gewesen. Unzureichender Einsatz, dachte Riano, während er zwei große Racketen dem immer noch beschleunigenden Wrack entgegenschoss.

Ein Ruck durchlief das Schiff. Die Piraten hatten die Hülle an der rechten Seite schwer beschädigt. Ein weiterer Ruck. Das Wrack war jetzt gegen die linke Wand geknallt. Riano seufzte. Er erwartete bessere Arbeit von sich. Er ließ das Geschütz herumdrehen auf der Suche nach den anderen drei Piratenschiffen. Ein weiteres Piratenschiff explodierte gerade. Die anderen teilten sich auf und griffen einer die rechte, der andere die linke schon beschädigte Hülle an. Er konnte den Stahl schon knarren hören. Das Schiff war nicht mehr zu retten. Er seufzte -unzureichend- und begann kleinere Geschosse auf das Schiff zur Rechten zu schießen. Ein mächtiger Ruck drückte ihn in den Sitz. Das Schiff bewegte sich von einer Explosion auf der linken Seite angetrieben, die die Hülle aufgerissen hatte. Ein kurzer Knall ertönte in seinen Ohren, da wurde er schon ins All hinausgerissen. Instinktiv presste er die Luft aus seiner Lunge, damit sie nicht im Vakuum platzte. Er wandte sich mit einem unhörbaren Schmerzschrei zu dem Kreuzer und sah gerade wie das Schiff von kleinen Explosionen geschüttelt auseinanderbrach. Sein Blut kochte unter seiner aufblähenden Haut. "Schlecht.", dachte er noch, bevor er das Bewusstsein verlor.


Dröhnen in seinem Kopf, seine Ohren fiepten, seine Augenhöhlen schmerzten qualvoll. Riano versuchte zu lauschen, doch er nahm nur gedämpft Töne in seinem linken Ohr wahr. Er war offenbar noch am Leben, den diese Denkfähigkeit war nicht mit seiner Kenntnis über Ableben vereinbar. Er öffnete blinzelnd die Augen. Es war dunkel, bis auf ein dumpfes rotes Notlicht. Er blickte sich um. Er schwebte in einem kleinen Raum aus stählernen Wänden von Rohren durchzogen mit sichtbaren Schweißnähten, vielleicht 16 Quardratmeter groß, abgerundete Seitenwände. Wo war er? Er blinzelte noch einmal. Seine Augen mussten sich erst wieder ans Sehen gewöhnen.

An der Front war eine Schalttafel und durch eine große Scheibe konnte er den Sternenhimmel vor sich sehen. Er bewegte sich langsam in Richtung Moth-System. Riano rieb sich über die juckenden schmerzenden Handgelenke. Sein ganzer Körper fühlte sich verkrampft und schmerzend an. Er schien alleine in einem zurückgelassen Schiff gestrandet zu sein. Aber wie war er hier her gekommen? Er versuchte den Tinnitus in seinen Ohren und die Schmerzen zu ignorieren und sich aufs Fortkommen zu konzentrieren. Schließlich war er eine Friedenswache. Er stieß sich ab und ließ sich zum Pilotensitz treiben. Alle Systeme waren heruntergefahren, außer die Lebenserhaltung. Die Atmosphäre war allerdings auch nur auf 0,17 bar mit 10% Stickstoff- und 90% Sauerstoffpartialdruck eingestellt. Doch so einfach fand er sich auf dem Schaltbrett nicht zurecht.

Das Schiff wirkte unkonventionell zusammengebastelt und entsprach in keiner Weise den Richtlinien der Humanation Fluggerätklasse. Nach einigem Suchen fand er die Knöpfe zum System hochfahren. Der Antrieb startete wieder. Er musste schnellst möglich zu den Humatmonden und den Verlust des Kreuzers melden. Die Kommunikation wurde in den Systemen mit Lichtgeschwindigkeit gesammelt und einmal am Tag mit einer automatischen Raumzeitsonde zwischen den Systemen verschickt. Wenn der K7 alpha kein Funkspruch gelungen war, konnte es noch Tage dauern, bis die Nachricht im Mothsystem bei den Heimatmonden Greenearth, Paradis und Newland ankam. Er konnte schneller sein. Er suchte den Überlichtantrieb. Die Anzeige verriet ihm allerdings, dass nur etwa 10% der möglichen Antimaterie Ladekapazität aufgeladen war. Damit würde er kaum weiter als 2 Lichtjahre kommen. Er rief die Navigation auf. Er war irgendwo auf halber Strecke zwischen Omega und Moth noch etwa 7 Lichtjahre von Moth und damit den Humat-Monden entfernt. Er seufzte und startete den Überlichtantreib. Völlige Dunkelheit umschloss ihn. Er versuchte sich vorzustellen, wie er jetzt auf subatomarer Größe in einer Raumzeitblase durch die Raumzeit schoss. Absurd, dachte Riano sich. Er hatte Physik noch nie gut verstanden und das war eine unzureichende Vorstellungsbrücke zu den Vorgängen, die tatsächlich geschahen, eine heuristische Anschauung. Es war doch auch eigentlich irrelevant, wie er sich diese Prozesse vorzustellen hatte. Er wunderte sich, wie er überhaupt zu solch einer kindischen Vorstellung gekommen war.

Zaghaft leuchteten die Sterne wieder vor ihm auf. Er hatte wieder Sublichtgeschwindigkeit erreicht. Es waren noch 5 Lichtjahre bis Moth, doch die für Raumzeitkrümmungen nötige Antimaterie war aufgebraucht. Es würde nun dauern, bis das Schiff durch Fusionsenergie wieder Antimaterie angesammelt haben würde. Er ließ das Schiff mit Autopilot in Richtung Moth treiben. Er schwebte in den hinteren Schiffsteil und fand einiges an unkonventionellem Proviant und einen Schlafsack, den er an der Wand ankletten konnte. Nachdem er etwas getrunken hatte, zog ihn zu und schloss die Augen und murmelte schon im Halbschlaf: "Unerklärlich... ich lebe."

Es war ein unruhiger Schlaf. Er wälzte sich in seinen Schlafsack. Bilder und Gesichter der K7 alpha Crew blitzen vor ihm auf. Sein Gehirn versuchte den Schaden, der ihm durch den Verlust des Schiffes so wie der 175 köpfigen Besatzung zugefügt worden war zu erfassen. Seit 5 Jahren hatte er auf dem Schiff gedient. Nun hatte er das Schiff verloren und eine tiefe Unzufriedenheit plagte ihn. Er hatte die Besatzung für fähiger gehalten, er hatte sich für fähiger gehalten. Offensichtlich eine Fehleinschätzung. Was sollte nun aus ihm werden?


Ming erwachte und gähnte blinzelnd. Hikari blickte von der Arbeit auf und lächelte sie an: "Guten Mittag!"

Ming setzte sich schlaftrunken auf und fragte: "Habe ich wieder so lange geschlafen?"

"Zwei Goontage also 14 Stunden."

Ming strich sich ihre asiatisch schwarzen Haare zurück und blickte zu dem Buch, das neben ihr auf dem Schemel lag.

Hikari wieder der Arbeit zugewandt fragte: "Und hast du schon mehr herausgefunden?"

Ming stand auf und schliff wie selbstverständlich zum Kühlschrank, während sie erklärte: "Nunja, vergleicht man die Arten, der Humat-Monde mit diesen stellt man selbst unter den höheren Arten eine auffällig große Ähnlichkeit fest. Das lässt unterschiedliche Schlüsse zu: Erstens Tiere in Wrackteilen haben überlebt und den Planeten besiedelt. Allerdings ist die Breite an Lebensformen zu groß. Zweitens Humanation hat bewusst Goon bevölkert, vielleicht als Beobachtungslabor oder Ähnliches, aber das macht doch keinen Sinn, dass dann geheim zu halten und Schrott hier zu deponieren. Oder aber das Leben der Humatmonde stammt tatsächlich von hier, aber wie sollten primitive Mehrzeller Sublichtreisen unternehmen bis nach Moth und das nach allem, was ich gesehen habe, auf evolutionär kleinen Zeitskalen. Es ist überhaupt eigenartig, dass Humanation einen ganzen fruchtbaren Planeten als Müllhalde nutzt, statt ihn zu verforschen oder Kolonien zu bauen. Goon ist alle mal wohnlicher als Purentia."

Hikari legte ihren Schraubenzieher zur Seite: "Das sind in der Tat offene Fragen."

Ming seufzte und biss ins Brot. "Fragen, die ich von hier nicht beantworten kann. Und... naja... meine Schiff... is... kaputt" erklärte sie kauend.

Hikari lächelte: "Falls du dich doch mit künstlicher Intelligenz anfreunden kannst, ist das kein Problem. Ich kenne ein Schiff. Es ist nur ein bisschen eigenwillig und furchtbar neugierig und darum gerade nicht da. Aber ihr würdet euch sicher verstehen wissensdurstig wie ihr seid. Ich kann es herrufen."

Ming blickte Hikari erst entsetzt, dann eine Weile wortlos an. Sie konnte einer Maschine nicht so einfach trauen. Nach zwei Tagen erschrak sie immer noch, wenn Jano vor ihr stand, und zuckte zusammen, wenn John sie anpiepte. Sie hielt es zwar für wahrscheinlich, dass sie ihr nichts taten nach allem, was sie hier Gutes erfahren hatten, aber ihr Argwohn war tief in sie hinein gebrannt und sie hielt sich, wenn es irgendwie ging, lieber an Hikari, da sie zumindest noch ein Mensch war. Sie vertraute ihr inzwischen durch die Offenheit, mit der Hikari sie aufgenommen hatten. Doch allein der Gedanke in einem unberechenbaren Roboter zu stecken beschleunigte ihren Herzschlag.

Schließlich holte Ming Luft und erklärte: "Also eigentlich... wäre es für die Untersuchung der Angelegenheit gut, wenn du mich persönlich unterstützen könntest. Immerhin geht es um bedeutende Forschung, ja quasi den Ursprung des Lebens. Und du bist die einzige, die die notwendigen Kenntnisse über Goon mitbringt."

Hikari blickte sie skeptisch an: "Du bist ein Human und ich eine Cymale, du arbeitest für Humanation, das ist nicht die ideale Vertrauensbasis und sicher auch keine einfach zu formende Kooperation. Außerdem bin ich inzwischen hier Zuhause. Warum sollte ausgerechnet ich die Forschung Humanations unterstützen und dafür mein Leben riskieren."

Mings Miene verfinsterte sich: "Warum sollten die mich abknallen, wenn ich für sie arbeite? Ich arbeite für Menschen nicht für irgendeine Nation. Ich habe so viel verloren um die Wahrheit entgegen den Behauptungen Humanation herauszufinden. Ich lass mir nicht sagen, dass ich für Humanation oder irgendwen anderes Forschen würde. Forschung darf nur sich selbst verpflichtet sein, sich selbst, den Fakten und der Wahrheit. Wie kannst du mich für so charakterschwach halten, dass ich auf die Interessen irgendeiner Machtinstitution Rücksicht nehmen würde? Erkenntnis ist nicht verhandelbar."

Ein schmales anerkennendes Lächeln umspielte Hikaris Lippen: "In der Tat der Mut herausfinden zu wollen, was auf Goon passiert ist, zeugt von Charakterstärke. Du hast meinen vollen Respekt. Ich hätte selbst nicht besser zusammenfassen können, was das Wesen der Forschung ist."

Ming erwiderte: "Wenn du das so siehst, solltest du dich doch auch verpflichtet fühlen diesem Ziel zu helfen."

Hikaris mechanisches Auge fixierte Ming analytisch: "Das ist ein valides Argument, das ich nicht abstreiten kann. Eine Stimme in meinem Kopf ist auch überzeugt davon dir zu helfen. Allerdings muss dir bewusst sein, was das für ein wahnwitziges Risiko für mich bedeutet. Humanation wird nicht zögern mich zu töten, wenn irgendjemand sieht, was ich bin."

Ming nickte ernst: "Das stimmt wahrscheinlich, aber ich verspreche dir, dass ich alles in meiner Macht stehende tun werde um das zu verhindern. Du hast mir geholfen und ich habe verstanden, dass wir keine Feinde sind. Ich habe gelernt dir zu vertrauen, dann solltest du vielleicht auch anfangen mir zu vertrauen. Außerdem geht es immer noch um etwas größeres, es geht in gewisserweise um die Wahrheit."

Hikari seufzte: "Ich kann dir nicht widersprechen. Du hast Recht mit dem, was du sagst. Und diese Forschung ist zutiefst faszinierend. Ich weiß nur gerade nicht, ob ich noch die Selbstlosigkeit aufbringe."

Ming bemerkte, wie Hikari sich nachdenklich den Hals rieb. Sie musste wohl ernsthaft darüber nachdenken. Ming selbst war sich auch noch nicht so sicher, wie sie gerne wirken wollte. Hikaris Implantate hörten nicht auf ihr Unwohlsein zu bereiten. Doch es war wahr: Hikari war die Expertin, die Ming brauchte, wenn sie irgendwie über Goons Evolution forschen wollte, und das war es wert, dieses Risiko einzugehen. Hikari starrte hohl wie in sich selbst versunken eine Weile vor sich hin und fokussierte schließlich wieder Ming: "Okay, ihr habt gewonnen. Also du hast gewonnen, Professor Ming Guang. Die Forschung ist es wert, auch wenn sonst auf der Welt nichts mehr wert ist. Ich komme mit, bis das Projekt abgeschlossen ist. Ich rufe Syfor."


Eine Sirene riss Riano aus dem Schlaf. Stöhnend wollte er sich aufrichten, doch er stellte fest, dass das nicht nötig war, da er schwebte. Offensichtlich was der Antrieb ausgefallen. Blechern drang ein Sprachsignal: "Schaden an der Außenhülle. Hüllenbruchgefahr. Schaden an der Außenhülle. Hüllenbruchgefahr."

Er seufzte und stieß sich vor zur Schalttafel um irgendeinen Weg zu finden, den genauen Schaden zu analysieren. Glücklicherweise blendete das Display schon ein Bild der Hülle ein. Das Dach neben den Frontscheiben schien beschädigt zu sein. Darum war wohl der Antrieb heruntergefahren worden. Riano versuchte in dem System eine Sprechanlage zu finden, doch er scheiterte fluchend.

Missmutig schwebte er zu dem Raumanzug neben der schmalen Schleuse. Er krammte einen Werkzeugkoffer hervor, trank einen guten Schluck Wasser aus einer Notration und begann in den Anzug zu steigen. Er war Waffenoffizier und kein Klempner grummelte es in ihm. Nun gut er hatte in der Grundausbildung auch soetwas lernen müssen und so begab er sich über die Luftschleuse an einem Seil gesichert nach draußen.

Er hangelte sich an der Außenhülle entlang, konnte aber beim besten Willen nicht feststellen, was hier kaputt sein sollte und was nicht. Alles war gleichermaßen provisorisch zusammengeflickt. Er blickte sich um. Das schwebte ein Kabel oder Ähnliches von Schiff auf, vielleicht war es ja das. Er wandte sich in die Richtung. Moment, das war ja das Seil, das ihn sichern sollte. Plötzlich gab es einen Ruck und das Schiff rauschte mit maximaler Beschleunigung unter ihm hinweg. "Was zum...!", schrie er. Seufzend dachte er nur noch: "Schlecht!", während das Schiff in einer Raumzeitkrümmung verschwand und ihm im Raumanzug zurückließ.

nächstes Kapitel lesen…